Sonntag, 20. September 2009

Hasta la victoria siempre !

(~Bis zum ewigen Sieg !)

Hola Queridos y Queridas =)

Dieser Blog trägt die Parole des wohl allseits bekannten Geruillakämpfers und Revolutionär Ernesto "Che" Guevara als Titel. Anlass dafür gibt ein Kunstwerk, welches mein Mitbewohner letzte Woche erschaffen hat. Mein lieber Mitbewohner Jonas kam nämlich auf die glorreiche Idee, unseren Patio (Innenhof), den wir ja vorrangig zum chillen, Bierchen trinken, nett beieinander sitzen, in der Hängematte gammeln nutzen, mit dem Antlitz des berühmten Che zu verschönern. Man muss dazu wissen, dass "Che" hier eine Art lockerer Ausdruck unter Freunden ist ("Alter", "mein Lieber", "Kumpel") und somit von jedermann mehrmals täglich genutzt wird. Gesagt, getan: Jonas schnappte sich Pinsel und Farbe und begann mit einer Engelsgeduld sein Werk. Freihand und nur vom Cumputer abgemalt! Et voilà: Es ist ihm gelungen! Es sieht wirklich cool aus, uns gefällt's! Mal gucken, ob wir im Laufe unseres Jahres die anderen Wände des Patios auch noch verschönern...
Soweiso zum Thema Wohnung und Leben allgemein: Insgesamt gefällt mir das WG-Leben ziemlich gut. Ich weiß nicht, ob ich einfach nur sau Glück mit meinen beiden Mitbewohnern gehabt habe oder ob es in allen WGs so schön friedlich zugeht wie bei uns. Auf jeden Fall kommen wir drei bis jetzt wirklich gut miteinander aus, oft wird abends gemeinsam gegessen oder n Film geguckt. Außerdem ist es auch ganz schön, dass, wenn man von der Arbeit nach Hause kommt, jemand da ist, mit dem man in der Küche mal fix ne Runde schnacken und erzählen kann, was am Tag so passiert ist. Ich bin wirklich froh drüber, dass ich nciht alleine wohne, sondern die Jungs hier habe.
Auch unter dem Aspekt betrachtet, dass die beiden sich meistens gemeinsam und voller Zerstörungswut auf die Kakerlaken stürzen, die sich hin und wieder mal in unsere Wohnung schleichen. Da es vergangene Woche wirklich sehr viel geregnet hat und es einfach kalt, nass und ungemütlich war, haben sich mehr Kakaerlaken als sonst zu uns ins Warme geflüchtet. Naja, leider fanden dann hier alle den Tod, indem sie von Simon und Jonas ausgeräuchert wurden. That's life!
Ein weitaus dramatischeres Ereignis musste mein Mitbewohner diese Woche erleben. Jonas arbeitet zusammen mit Hannah, einer anderen Voluntärin, in der Casa San Pablo, einem Sozialprojekt in San Miguel, welches sich vor allen Dingen um die Familien und Menschen im Barrio kümmert. Also befindet sich das Projekt der beiden auch in einer relativ armen und trostlosen Gegend. Nun sind die beiden am vergangenen Mittwoch auf dem Weg von der Bushaltestelle zur Casa San Pablo überfallen worden. Zwei junge Männer kamen den beiden entgegen, bedrohten sie und entrissen ihnen Rucksack und Handtasche, wobei Hannah sogar zu Boden geschleudert wurde. Jonas hatte zum Glück all seine Wertsachen in der Hosentasche, Hannah wurde dadurch jetzt eben Handy und Geld geklaut. Der Schock saß uns allen, aber natürlich vor allen Dingen den beiden, den ganzen Tag lang noch in den Gleidern, auch wenn Jonas später am Abend schon wieder scherzhaft das Fazit ziehen konnte: "Immerhin sind wir die ersten Voluntäre, die dieses Jahr überfallen worden sind."
Trotzdem haben wir alle noch relativ viel über die Sache gesprochen und nachgedacht. Der Überfall hat uns halt wirklich gezeigt, wie gefährlich diese Barrios sein können, gerade wenn man als vermeintlich reicher Europäer alleine unterwegs ist. Auf der anderen Seite fällt es einem immer schwerer wütend oder sauer auf diese Menschen zu sein, die eben andere Leute überfallen oder beklauen. Je mehr man die Menschen und ihre Lebensumstände hier kennenlernt, umso mehr bekommt man mit, in welcher Armut sie teilweise leben. Gerade die Leute aus dem Barrio leben oft am Rande der Existenz... und so klischeehaft es auch klingen mag: Die Armut treibt die Menschen zu kriminellen Dingen wie Überfällen und Diebstahl - weil sie es einfach nötig haben. Traurig, aber wahr.
Insofern hat die Erfahrung, die Jonas und Hannah diese Woche mit dem Überfall gemacht haben, allseits irgendwie komische, zwiespältige Gefühle ausgelöst...

Seit fünf Wochen lebe ich nun "allein" bzw. selbstständig und kann mit ein bisschen Stolz sagen, dass ich mittlerweile einen mehr oder weniger geregelten Alltag erlangt habe, was wirklich schön ist. Es tut gut, ein bisschen Struktur im Tag zu haben, zu wissen was kommt und trotzdem einigermaßen spontan seine Woche planen zu können.
Ich fühle mich immer mehr zu Hause, auch wenn ich letzte Woche das erste Mal Heimweh hatte, was vor allen Dingen mit dem schlechten Wetter und meinen Kopfschmerzen zusammenhing. Jedoch habe ich die ultimative Lösung gegen Heimweh entdeckt: Einfach die gute, alte Hausmannskost aus Mamas Küche nachkochen! So hab ich letzte Woche schön ne Runde Blumenkohl mit weißer Soße und Frikadellen gekocht. Es ist mir sogar einigermaßen gelungen. Jedenfalls waren meine Mitbewohner schwer begeistert und der eigentliche Vegetarier Jonas hat sogar drei Frikadellen gegessen. Welch ein Kompliment ;)
Des Weiteren kann ich berichten, dass ich mich immer mehr an meine Wirkung als große, blonde Deutsche gewöhnt habe. Mittlerweile stört mich das ständige hinterher pfeifen, hupen und angeguckt werden gar nicht mehr sooo sehr. Klar, ist es immer noch nervig und auch irgendwie eklig, wenn so n alter, schleimiger Kerl dir im Vorbeigehen so was wie "süße Schnecke" zuraunt, aber im Großen und Ganzen habe ich diese Eigenart der argentinischen Männer akzeptiert und finde sogar fast, dass es das tägliche Geschehen auf den Straßen irgendwie lebendiger macht.
Ach ja, es gibt noch eine weitere Veränderung: Ich hab mich piercen lassen! Huiiiii... das klingt dramatischer als es ist. Ich habe mir lediglich ein zweites Ohrloch stechen lassen. Ich hab da schon öfter mal drüber nachgedacht und irgendwie fand ich, dass jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist. Es tat zwar ganz schön weh, aber mittlerweile ist es gut verheilt und ich kann schon problemlos dran rumspielen. Allderdings hab ich von zu Hause schon n bisschen Gegenwind bekommen, weil ich es erst erzählt habe, als es quasi schon zu spät war. Aber das ist ja schließlich auch ein Vorteil eines Auslandsjahres - ich bin groß und ganz alleine, ohne meine lieben Eltern hier, sodass ich leider nicht alles mit ihnen absprechen kann ;) Naja, mir gefällt's auf jeden Fall, ich find's cool! Aber keine Angst: Das war mein erster und letzter Ausflug in ein Piercing- und Tatoostudio. Versprochen!

Aus La Paloma gibt es gar nicht soooo viel Neues zu berichten. Letzten Donnerstag habe ich mich mit ein paar Mädels auf die Verkleidungskiste gestürzt - das war ein Spaß! Auf einmal verwandelten sich sechs kleine Mädchen, die sonst mit eher dreckigen, zerissenen Klamotten rumlaufen in Prinzessinen, mit allem was dazu gehört: Krönchen, quietscherotem Lippenstift und viel zu großen hohen Schuhen.
Morgen feiern wir "La Fiesta de Primavera" (Fest des Frühlingsanfangs) in La Paloma mit vielen Spielchen und anderen Aktionen. Außerdem machen wir diese Woche mit den Kleinen, die schon seit einiger Zeit zum Thema "Tiere" arbeiten, einen Ausflug in den Zoo von Palermo, worauf ich mich schon sehr freue. Für viele der Kinder wird es das erste Mal sein, dass sie nach Capital fahren... aufregend!


Letzten Samstag habe ich zusammen mit einigen anderen Voluntären an einer Stadtführung durch BsAs Capital teilgenommen. Angeboten wurde diese Führung von Herrn Muhlert, einem wirklich äußerst fitten, älteren Herrn, der seit seiner Rente hier in Argentinien lebt und schon seit Jahren mit den Projekten der IERP und den Voluntären arbeitet.
Die Ausflug glich weniger einer klassischen Stadtführung, sondern eher einem entspannten Bummel durch die Innenstadt, gespickt mit einigen Informationen hier und dort. Die schönste Erkenntnis war für mich, dass nciht ALLES riiiiiiiiiiiiesig ist in BsAs, sonder dass man den Stadtkern bei Bedarf auch ganz gut zu Fuß erlaufen kann. Bei einigen Stops zum Kaffee trinken und Pizza essen hat uns Herr Muhlert dann noch einiges über die Geschichte und Vergangenheit unserer jeweiligen Projekte erzählt, was auch wirklich mal interessant zu hören war. Nach der Stadtführung hab ich den Tag dann noch gemütlich mit Laura und Matheo beim shoppen, kochen und Rotwein trinken ausklingen lassen.

Für alle, die sich (vielleicht auch angeregt durch meine Berichte?) für Argentinien interessieren, habe ich zwei Buchempfehlungen:


"Mein Name ist Luz" und "Im Himmel Tango" - beides von der argetninischen Autorin Elsa Osorio.
Diese beiden Romane habe ich jetzt gerade hier gelesen (schließlich hab ich ja täglich während meiner Busfahrt zwei Stunden Zeit dafür ;) und kann sie durchaus weiter empfehlen. Gerade weil man mehr so nebenbei eine ganze Menge über die argentinische Vergangenheit erfährt, zB. in "Mein Name ist Luz" über die Militärdiktatur in den 70er Jahren, die Kinder, die zu der Zeit aus den Gefangenenlagern gestolen wurden usw. "Im Himmel Tango" behandelt mehr das Buenos Aires des späten 19./frühen 20. Jhds., was auch sehr interessant ist. Zudem wird viel über die Herkunft und Leidenschaft des Tangos erzählt. Durch diese beiden Romane habe ich erstens verstanden, dass Argentinien von den Einflüssen der vielen Einwanderer geprägt ist, zweitens die Bevölkerung schon immer, wirklich immer, in gesellschaftliche Klassen (arm & reich) unterteilt war (was bis heute so ist!) und drittens ein dunkles Kapitel in der eigenen Landesgschichte besitzt, welches gar nicht so lange zurück liegt und von den Menschen noch lange nicht verarbeitet worden ist...

Zum Schluss möchte ich mich noch mal für all die lieben Rückmeldungen bedanken, die ich für meinen Blog bekomme. Es macht umso mehr Spaß meine Erlebnisse aufzuschreiben, wenn ich weiß, dass viele Leute sich für diese Seite interessieren, auch wenn ich nicht mehr ganz so regelmäßig schreibe wie am Anfang. Wer möchte darf mir natürlich gerne schreiben, entweder über die Kommentarfunktion unter den Beiträgen oder einfach per Email an merlesievers@web.de . Ich freue mich über Nachrichten, Feedback und sonstige Post!
Des Weiteren habe ich wieder ein neues Fotoalbum angelegt, wo Bilder aus den letzten zwei Wochen zu bewundern sind.

So, jetzt bin ich müde und verabschiede mich ins Bett.
Liebste Grüße aus dem langsam sonniger werdenen Buenos Aires,
un abrazo
Merle

Montag, 7. September 2009

Projektalltag, mein Alltag, argentinischer Alltag


Sooooo, es ist mal wieder an der Zeit, etwas von mir hören zu lassen.
Es ist wieder viel passiert, aber ich versuche mich trotzdem kürzer zu fassen, als die letzten Male...
Letzten Samstag war ich mit den Kids von La Paloma auf einem "Futbol Callejero", einer Art Fußballtunier, das monatlich stattfindet und an dem sämtliche Kinder- und Jugendprojekte aus BsAs teilnehmen dürfen. Das Ganze ist eine Art Freundschaftsspiel, um die Beziehungen zwischen den Projekten du fördern. Außerdem spielen die Kids nach besonders pädagogisch wertvollen Regeln, die dazu dienen sollen, den doch recht ruppigen Fußballstil der Argentinier einzudämmen. So muss beispielsweise in jedem Team mindestens ein Mädchen mitspielen und Punkte lassen sich sowohl durch Tore als auch durch Fairplay erzielen. Auf jeden Fall war es ein schöner, heißer Tag, den wir da gemeinsam in der Pampa von BsAs verbracht haben. Apropos Fußball: Leider hat Argentinien ja dieses Wochenende gegen Brasilien verloren, woran natürlich NUUUUUUUUR der Schiedsrichter schuld war, "dieses unfaire Schwein!" (Zitat eines Mitarbeiters).
Was in letzter Zeit immer besser läuft, ist die Orientierung in dieser großen, großen Stadt. Natürlich kenne ich mich noch lange nicht aus, aber so langsam verfliegt die Angst bzw. der Respekt vor der Millionenstadt und ich traue mich mittlerweile auch, mich einfach in irgendeinen Bus / Zug zu setzen, dessen Strecke ich nciht genau kenne und einfach mal zu hoffen, dass ich richitg ankomme. Bis jetzt hat's auch immer irgendwie geklappt... Der Verkehr hier in Argentinien ist übrigens nicht ansatzweise mit dem in Deutschland zu vergleichen. Während die Autos sich in Deuschland ja einigermaßen geregelt und strukturiert auf den Straßen bewegen, gleicht das Verkehrsbild hier eher dem gepflegten Chaos. Es gilt nicht "Rechts vor Links", sondern "Größer vor Kleiner" und "Schneller vor Langsamer" (kein Scherz!), was dazu führt, dass besonders die Busse sich des Öfteren einfach mal haarscharf an einer Hausecke oder anderen Autos vorbeiquetschen. Kein Wunder, dass fast alle Autos, die ich bisher gesehen habe, mindestens eine große, fette Beule haben und man häufiger mal Zeuge eines Verkehrsunfalls wird. Zum Glück bin ich bisher noch in keinen reingeraten... naja, ist bestimmt nur eine Frage der Zeit.

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlichen bei allen für die lieben Glückwünsche und Geschenke zu meinem Geburtstag bedanken!


Ich hatte einen wirklich schönen Tag und hab mich gefreut, dass so viele an mich gedacht haben, obwohl ich ja nun mittlerweile schon sechs Wochen weg bin (6 Wochen ??? hui, wie die Zeit verfliegt!). Es war toll die Post von meiner Familie auszupacken und von einer Horde gröhlender Freunde angerufen zu werden (wenn auch vier Stunden zu früh ;). Am Freitagabend waren wir in Quilmes unterwegs, wo wir den Abschied einer Freundin gefeiert haben, die jetzt wieder in Bielefeld studiert, und dabei auch gleichzeitig in meinen Geburtstag reingefeiert haben. Am Samstagabend habe ich dann die ganzen Freiwilligen aus BsAs und Umgebung zu uns in die WG eingeladen. Leider haben wir es versäumt, die Nachbarn wegen des Lärms vorzuwahnen und haben uns deshalb etwas unbeliebt gemacht, fürchte ich. Aber nichtsdestotrotz war es ne nette Party und es war schön, alle um sich zu haben.

Jetzt noch kurz ein paar Sätze zu meiner Arbeit: Insgesamt etwickelt sich alles sehr gut. Von Tag zu Tag verbessert sich mein Spanisch, ich verstehe mehr und die Kinder nehmen mich ernster. Natürlich genieße ich noch lange nicht den selben Respekt wie die Mitarbeiter (ich weiß auch nciht, ob ich es überhaupt jemals auf dieses Level schaffen werde ?!), aber heute habe ich es sogar geschafft, alleine das Duschen zu beaufsichtigen und dafür zu sorgen, dass es keine Großüberschwemmung im Badezimmer gab. Ein kleiner Erfolg!
Allerdings gibt es neben den überwiegend guten auch manche schlechte, bzw. demotivierende Tage. Vergangenen Mittwoch hatten wir beispielweise wieder die wöchentliche Teamversammlung, hier "reunión genannt, bei der das Programm für die nächsten Tage, Probleme und sonstige organisatorische Dinge besprochen werden. Bei diesen Versammlungen wird regelmäßig mein ganzer Stolz über mein vermeintlich gutes Spanisch zunichte gemacht: Ich verstehe so gut wie kein Wort! Auf jeden Fall fühle ich mich im ersten Moment immer so. Klar, die Mitarbeiter haben wenig Zeit, reden deshalb natürlich in einem Affentempo und auf einem ganz anderen sprachlichen Niveau als im täglichen LaPalomageschehen. Nach diesen Sitzungen schwirrt mein Kopf immer so doll, dass ich aus Trotz alles Spanische für diesen Tag aus meinem Leben verbanne. Ich freue mich schon wirklich auf den Moment, wenn ich das erste Mal in dieser reunión sitzen und alles verstehen werde. Hoffentlich kommt dieser Tag irgendwann!
Ansonsten lerne ich die Kinder zur Zeit immer besser kennen, was auf der einen Seite sehr schön, auf der anderen Seite auch teilweise wirklich erschreckend ist. Eine Erfahrung die ich jetzt gerade in der letzten Woche immer öfter gemacht habe, ist das "Mitleid" (blödes Wort, aber ich finde kein besseres) in ganz konkreten Fällen. Zwar wurde mir schon in Deutschland auf den Seminaren und in der Vorbereitung auf das Jahr erzählt, dass viele der Kinder aus armen, sozial schwachen Familien stammen und zum Teil eben auch schon gewaltgeprägte Biografien haben, aber jetzt, wo ich die Kinder täglich sehe und sie als Personen kennenlerne, bekommen die Dinge für mich eine ganz andere Dimension. Letzte Woche Dienstag konnten zum Beispiel die vier Geschwister der Familie "sowieso" nciht kommen, weil ihnen der besoffene Vater das Busgeld weggenommen hat. Bei anderen Kindern habe ich erfahren, dass sie regelmäßig von ihrem Onkel geschlagen werden. Solche Dinge sind schlimm zu hören, aber eben noch mal krasser, wenn man die Kinder kennt, sie täglich sieht und auch erlebt, wie unbeschwert und fröhlich sie sich im Projekt verhalten.
Des Weiteren hat sich meine Einstellung zum Thema Bildung hier etwas gewandelt. Viele der Kinder gehen gar nicht oder unregelmäßig zur Schule. Selbst wenn, dann ist die Schulbildung, die die Kinder hier in den öffentlichen Schulen erhalten oft nicht zu vergleichen mit der deutschen.
Am Anfang war ich schockiert darüber, dass ein 16-jähriger Junge kein einziges Wort auf Englisch kannte oder das 12-jäghrige Kinder nicht mal wissen wo ihr eigenes Land auf der Weltkarte liegt. Mittlerweile bekomme ich immer mehr mit, wie und wo diese Kinder leben. Sie leben in Villas, in Armenvierteln und in besch******* Familien. Da ist es einfach nicht wichtig, dass man Englisch sprechen oder schriftlich dividieren kann !! Sondern da ist es wichtig zu wissen, was esse ich heute, wie sorge ich dafür, dass der kaputte Wasserhahn repariert wird, sodass wir wieder fließendes Wasser haben und wie schütze ich meine kleinen Geschwister vor den Schlägen des Stiefvaters.
Dieses Beispiel soll nicht heißen, dass ich Bildung und Ausbildung der Kinder hier für unnötig oder überflüssig halte (im Gegenteil !), sondern dass ich merke, dass es für viele Menschen einfach nötig ist, ihre Prioritäten anders zu setzen als ich es von zu Hause gewohnt bin, damit überhaupt die Lebensgrundversorgung gesichert ist.
Naja, und bei genau diesen Problemen veruscht La Paloma eben mitanzusetzen. So wie es mir scheint, auch mit Erfolg. Die Kinder kommen gerne und oft auch über Jahre hinweg in das Projekt, sodass sie von La Paloma quasi miterzogen und beim Erwachsenwerden begleitet werden. So hat beispielsweise eine von den Jugendlichen gerade mit 18 ihr erstes Kind bekommen. Ein Erfolg, wenn man dabei beachtet, dass sämtliche andere Frauen aus ihrer Familie vorher immer mit 14 ihr erstes Kind bekommen haben...

So, jetzt ist es doch wieder ganz schön viel geworden. Deswegen ist jetzt auch Schluss!
In meinem neuen Fotoalbum findet ihr Bilder von meinem Geburtstag und den letzten Wochen.
Macht's gut und bis bald.
Saludos, eure von Argentinien beeindruckte Merle

Sonntag, 30. August 2009

... mal 'ne Karte zur Orietierung


Gerade hab ich auf dem Blog eines anderen Freiwilligen diese Karte gefunden, die ganz gut erkennen lässt, wie groß Buenos Aires ist und welche Strecken ich jeden Tag zurücklege.
Ich habe einmal den Stadtteil Flores eingezeichnet, wo sich unsere Wohnung befindet. Der gelbe Bereich ist sozusagen die Stadt Buenos Aires, genannt Capital. Diese Stadt selbst ist wie gesagt bereits rieeeeesig. Wenn ich zB zur Plaza de Mayo fahren möchte, welche sich mehr oder weniger an der Küste Capitals befindet, ist man schon gut und gerne mal ne Stunde mit dem Bus oder der Subte unterwegs.
Das Blaugefärbte ist Gran BsAs. In diesem Gebiet befinden sich einzelne Provinzen. Mein Projekt liegt zB in der Provinz La Mantanza und dort dann wieder in dem Barrio San Justo. Die Strecke von Flores nach La Paloma, was ich ebenfalls markiert habe, sieht auf der Karte gar nicht so weit aus. Doch auch für diese Strecke sitze ich ne gute Stunde im Bus.
So langsam bekomme ich immer mehr ne Orientierung in dieser riesigen Stadt, trotzdem bleibt jede Busfahrt zu einem bisher unbekannten Ziel ein Abenteuer und man freut sich, wenn man dann nach einer langen Fahrt tatsächlich am gewünschten Ziel ankommt...

Dienstag, 25. August 2009

La Paloma quien es rubia y juega la Bomba del Tiempo

(die Taube, die blond ist und Bomba del Tiempo spielt)
>> der Versuch, die Themen dieses Blogs in einer Überschrift zusammenzufassen <<

Buenas Noches todos!
Jetzt melde ich mich mal wieder, um zu berichten, wie es mir in der letzten Zeit so ergangen ist.
Seit anderthalb Wochen arbeite ich nun in meinem Projekt und kann sagen, dass es mir bis jetzt wirklich gut gefällt. Gleich am ersten Tag wurde ich von allen Mitarbeitern nett begrüßt und befragt, wie es mir bis jetzt in Argentinien ergangen sei. Auch die Kinder waren wahnsinnig neugierig, wer ich bin und wo ich herkomme. Ich kann ja mal erzählen, was "La Paloma" genau ist und wie ein gewöhnlicher Tag im Projekt so abläuft:
La Paloma ist ein Sozialprojekt der IERP (sozusagen die Vereinigung aller evangelischen Kirchen am Rio de la Plata >> meine Organisation hier vor Ort), welches sich in San Justo / La Mantanza, also ca. ne Stunde Busfahrt von Flores entfernt, befindet. Nach der Schule können die Kinder aus den umliegenden Barrios, die fast alle aus armen Familien stammen, ins Projekt kommen. Um 13 Uhr gibt es Mittagessen, das von der projekteigenen Köchin zubereitet wurde. Toll ist, dass das Essen, im Vergleich zur sonst üblichen Ernährung der Kinder, sehr gesund ist. Es gibt fast immer Reis, Nudeln oder Kartoffeln mit n bisschen Gemüse und Fleisch. Nach dem Mittagessen müssen alle Kinder sich die Zähne putzen und duschen. Es ist immer ein Sapß mit anzusehen, wie es doch irgendwie jedes Kind schafft, sich in dem ganzen Chaos etwas Zahnpasta, Shampoo und neue Kleidung zu ergattern. Wenn dann um halb drei irgendwann die Schlacht im Bad mit allen geschlagen wurde, ist Zeit mit den Kindern in ihren jeweiligen Gruppen zu spielen. Insgesamt gibt es in La Paloma drei Gruppen: die kleinen Kinder (ca. alle 5 bis 8-jährigen), die großen Kinder (9 bis 12 Jahre) und die Jugendlichen (ab 13 bis ungefähr 18/19 Jahre). In jeder Gruppe sind zwischen 10 und 12 Kinder, die von jeweils zwei Mitarbeitern betreut werden.Während die Kleinen vorrangig spielen, malen oder raufen, wird mit den Großen häufig auch schon inhaltlich zu irgendeinem Thema gearbeitet. Seit einigen Tagen lautet das Thema zB "la bicicletta", das Fahrrad, da in zwei Wochen eine Fahrradtour geplant ist. Heute wurde dann anhand eines Quizes, bei dem man mit Dartpfeilen die Fragen erwerfen musste, die Geschichte des Fahrrads erarbeitet.


So um und bei 16 Uhr ist die Spielphase dann vorbei und alle Gruppen treffen sich zur Merienda im Speisesaal wieder. Als "Merienda" wird hier das Kaffeetrinken bezeichnet, das für die Kinder aus Kakao und für die Erwachsenen aus (klar, was sonst?) Mate besteht. Dazu gibt es dann noch ganz viele süße Kekse, wobei ich immer wieder überrascht bin, was für eine Schweinerei die Kinder aus so n paar Keksen und Kakao veranstalten können. Nachdem dann alles wieder aufgeräumt wurde, neigt sich der Tag dem Ende. Meistens wird noch ein Spiel gespielt oder eine Geschichte vorgelesen, bevor die Kinder ihr Busgeld für den nächsten Tag bekommen und anschließend nach Hause fahren.
Insgesamt herrscht eine sehr liebevolle und friedliche Atmosphäre, was vor allem den Mitarbeitern zu verdanken ist, die sich trotz der ganzen Kinder und des mit ihnen verbundenen Chaos' nicht aus der Ruhe bringen lassen. Richtigen Stress habe ich bis jetzt noch nicht erlebt.
Bisher habe ich den Eindruck gewonnen, dass das Projekt hauptsächlich all das aufzufangen versucht, was in den Elternhäusern der Kinder falsch läuft bzw. gar nicht erst stattfindet. Sowohl praktische Dinge, wie Essen und Zähneputzen als auch "emotionale" Dinge wie Zuwendung, Kuscheln und Spielen.
Ich laufe bis jetzt einfach so mit, gucke mir die Tagesabläufe an, helfe hier und da, lerne die Kinder kennen und versuche so viel wie möglich zu verstehen. In ein paar Wochen werde ich dann gemeinsam mit der Chefin entscheiden, in welcher Gruppe ich aktiv mitarbeiten werde. Bis dahin genieße ich noch den Sonderstatus als neue Voluntärin, die sich erst eingewöhnen muss ;) Also insgesamt gefällt mir das Projekt wirklich gut, die Kinder sind super und auch mit den Mitarbeitern komme ich gut klar. Allerdings merke ich schon, dass ich noch lange nicht so in das Projekt integriert bin wie meine Vorgängerin, mit der ich natürlich sehr oft verglichen werde. Da brauche ich einfach noch Zeit, bis ich so meinen Platz gefunden habe... Aber das ist ok, ich bin ganz optimistisch.

Des Weiteren mache ich immer öfter die Erfahrung, dass es Vor- UND Nachteile hat als blondes, blauäugiges Mädchen in Argentinien zu leben.
Vorteile: Ich war bis jetzt 4x in der Boliche (Disco) und habe noch nciht ein mal Eintritt bezahlt, sondern wurde von den Türstehern immer einfach so durchgewunken. Auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln kommt mir mein europäisches Aussehen zugute. Egal wie voll es ist, es wird einem meistens ein Sitzplatz angeboten. Sehr bequem so etwas... Die Argentinier können halt auch Gentlemen sein, wenn sie wollen.
Nachteile: Man fällt halt immer als Fremde auf und wird auch dementsprechend gemustert/angestarrt. Außerdem lassen die Anmachen meist nciht lange auf sich warten. Ich muss beispielsweise immer wenn ich ins Projekt fahre an so einer Landstraße aussteigen, wo sehr viele Lastwagen und LKWs fahren. Dabei ist es mir bis jetzt jeden Tag (!) passiert, dass irgendwelche LKWs mich anhupen und die Fahrer sich aus dem Fenster lehnen, mich anglotzen und manchmal auch noch so n Schwachsinn wie "He Rubia! Quieres llegas?" (Hej Blondie, willste einsteigen?)
Auch die Kinder fummeln mir die ganze Zeit in den Haaren rum und fragen, ob ich gefärbte Kontaktlinsen trage oder ob das meine echte Augenfarbe sei und ob in Deutschland alle so groß sind wie ich. Immer wenn ich dann erzähle, dass mein Bruder, Vater und Onkel fast alle 2m groß sind, kriegen sie dann ganz große Augen und können es gar nciht so richtig glauben.
Naja, ich bin gespannt, wann ich mich an dieses "anders aussehen" gewöhnt haben werde. Im Moment ist es noch sehr ungewohnt und teilweise eben auch lästig für mich...


Tjaaa... was ist sonst noch so passiert? Ach ja, am Wochenende hat Matheo, ein anderer Voluntär, seinen Geburtstag gefeiert. Dazu haben sich alle Voluntäre, die noch im Großraum BsAs wohnen und Zeit hatten in seiner WG in Quilmes getroffen. Es wurde gegrillt (köstliches Grillfleisch!), getrunken, geschanckt und anschließend noch in der Boliche gefeiert. Fotos davon gibt es in meinem neuen Fotoalbum zu sehen.


Gestern abend war ich mit Jonas (meinem Mitbewohner) und zwei weiteren Freundinnen auf einem Konzert von "Bomba del Tiempo", einer mehrköpfigen Murgatruppe. Das Konzert fand in so einem großen, alternativ angehauchten Kulturkomplex statt - ein bisschen wie "die Pumpe" in Kiel. Überall Graffitis, junge Leute und eine über allem schwebende Graswolke. Das Konzert war auf jeden Fall meeeega fett !! Ist schon cool, wenn so zwölf Leute mit voll Karacho auf ihre Trommeln einschlagen und das Publikum dazu so abgeht, als handle es sich um Hardcore Rock...


Des Weiteren habe ich endlich daran gedacht, meine erste eigene Mate zu fotografieren, die jetzt schon ihren perfekten Patz in unserem Küchenregal gefunden hat - gleich neben der CampusSuite-Tasse (vielen Dank an dieser Stelle noch mal an Sönke, Tini und Moana - sie begleitet mich und meinen Tee jeden Morgen !).



Außerdem war ich vorhin mit Simon in so einer Art Möbel-Outletstore und habe mir eine Kommode für mein Zimmer besorgt, die ich auch gleich mal mitfotografiert habe. Das Ding ist zwar sehr spartansich zusammengezimmert, hat dafür aber auch nur 119 Peso gekostet (also ca. 22 Euro). Die Investition lohnt sich für ein Jahr, dachte ich mir. Jaja, so langsam richte ich mir mein Reich immer mehr so ein, dass es mir gefällt...

Ach noch eine Info für alle, die versuchen mich zu erreichen: Ich habe seit einigen Wochen ein argentinisches Handy. Die Nummer ist bei meinen Eltern oder bei Stine zu erfragen. Das deutsche Handy hab ich ausgeschaltet und gucke nur ab und zu mal nach. Ansonsten könnt ihr mich ziemlich locker über Skype, Facebook oder StudiVZ kontaktieren. Ich freue mich über alle Nachrichten aus der Heimat!

So, es ist zwar noch viel mehr passiert, wovon ich gerne berichten würde, aber meine schriftstellerische Kreativität ist für's Erste mal wieder erschöpft.
RESPEKT übrigens an all die Leute, die sich wirklich immer noch die Mühe machen, meine Einträge zu lesen. Es freut einen, zu wissen, dass es doch so viele Menschen gibt, die sich für das, was ich hier gerade alles erlebe interessieren!
Für die, denen es zu lange Texte sind: Guckt euch die Bilder an, die vermitteln auch schon n ganz guten Eindruck von allem ;)
In diesem Sinne:
Ciao y un beso
eure Merle

Sonntag, 16. August 2009

Seminar, Spanisch, Drogen, Armut, WG... viel zu erzählen.






Hola mis amigos !!

Nachdem ich jetzt von mehreren Seiten gerügt wurde, weil ich „so lange“ keinen Blog mehr geschrieben habe, dachte ich, dass es nun mal wieder an der Zeit ist, ein bisschen aus meinem immer argentinischeren Leben zu berichten.

Seit gestern ist also unsere Capacitación, das Einführungsseminar, zu Ende und wir sind nun im „richtigen Leben“ angekommen. Aber der Reihe nach…

Die letzte Woche im Isedet war wirklich toll! Wie das immer so ist, wächst eine Gruppe vor allen Dingen gegen Ende gut zusammen, sodass es dann schade ist, wenn man wieder auseinander geht. In den letzten Tagen hatten wir viele organisatorische Treffen, in denen es viel um die Organisation unseres Visums (hui… das ist vielleicht eine umständliche Geschichte. Fast so viel Bürokratie, wie in Deutschland!) und um die Vorbereitung auf die Projekte ging. Am Mittwoch habe ich zum Beispiel einen Workshop gemacht, der sich „Manualidades“ nannte, zu Deutsch: Wie man aus wenig viel macht. In diesen 3 Stunden haben wir gelernt, wie man tolle Sachen aus Müll basteln kann. Ich habe zum Beispiel aus leeren Jogurtbechern, Raviolidosen und Eierpappen ein Schlagzeug gebastelt. Andere haben aus alten Kartons ein Puppentheater gestaltet. Es ist wirklich gut, solche Dinge mal gemacht zu haben, da in den Projekten oft nicht das Geld für teures Tonpapier o.ä. vorhanden ist und man daher eben so gucken muss, wie man die Kinder mit anderen, einfacheren Dingen beschäftigt. Und basteln mit Müll ist da ’ne super Alternative, wie ich finde…

Eine weitere Sache, die mich beeindruckt hat, war ein Vortrag zum Thema Drogen. Fast alle Kinder, mit denen ich arbeiten werde, kommen aus den umliegenden Villas (Armenvierteln), in denen Drogen und Gewalt an der Tagesordnung sind. Eine relativ neue Droge, die hier in Argentinien kursiert, nennt sich PACO. Paco ist mehr oder weniger ein Abfallprodukt vom Koks, das je nach Dealer mit Sachen wie Medikamentenabfällen, Glasfasern oder Holzspänen gestreckt wird. Dieses Zeug wird dann geraucht und macht hochgradig abhängig und ist absolut lebensgefährlich. Das Problem ist eben, dass es eine sehr billige Droge ist, die einen kurzen, aber enormen Kick gibt. Paco ist daher vor allen Dingen ein Problem der unteren Bevölkerungsschichten. Sogar Kinder rauchen das Zeug, da es den Hunger stillt und einfach zu bekommen ist. Viele von den Kindern, mit denen wir arbeiten werden, sind ebenfalls davon betroffen. Ich bin mal gespannt, was für einen Umgang ich mit dem Thema entwickeln werde (müssen)…

Insgesamt hat das ganze Seminar sehr viel Spaß gemacht und war auch wirklich gut, um inhaltlich auf die kommende Arbeit vorbereitet zu werden. Außerdem war der tägliche Sprachkurs wirklich sinnvoll… Apropos Sprache: Mein Spanisch macht große Fortschritte. Neulich bin ich ganz alleine losgezogen, um meine Handyprobleme zu lösen und hab mit Freude feststellen können, dass ich meine Fragen verständlich stellen konnte UND sogar die Antworten verstanden habe!! Es ist wirklich toll, zu merken, dass man immer mehr, von dem was um einen rum passiert, seien es Gespräche in der UBahn oder irgendwelche Liedtexte im Radio, versteht. Und auch das mit dem selber sprechen klappt schon besser, als noch vor n paar Wochen. Zwar mache ich gerade grammatikalisch noch viiiiiele Fehler, aber ich besitze immerhin schon einen Grundvokabular, dass sich im Alltag benutzen lässt. Ich bin guter Dinge… Mal gucken wie das nach meinen ersten Tagen im Projekt aussieht. Dort spricht nämlich niemand Englisch, geschweige denn Deutsch.

Am letzten Tag haben wir vormittags alle zusammen einen Brunch im Innenhof des Isedets gemacht, um den Abschluss unserer Sprachkurse zu feiern. Davon findet ihr auch Bilder in dem Album „Capacitación“. Abends wurde dann eine letzte Andacht gefeiert, anschließend gab es dann ein grooooßes Asado. Beim Asado wird ganz viel Grillfleisch serviert, das frisch über dem Feuer zubereitet wurde. Zwar gibt es dazu noch Beilagen, aber das Hauptaugenmerk liegt absolut auf dem Fleisch! Zu Beginn hab ich nicht geglaubt, dass es möglich wäre, für über 50 Leute zu grillen… Ich wurde eines Besseren belehrt! Die Argentinier können locker für 50 Leute grillen.
Auf jeden Fall war das ein schöner letzter Abend für alle!

Am nächsten Tag kam dann allerdings der Abschied, was weniger schön war. Zum einen weil wir die Spuren des Vorabends beseitigen mussten (schließlich wurde noch ordentlich gefeiert), zum anderen weil man das Chaos in den Zimmern auflösen musste. Und außerdem sind Abschiede sowieso immer blöd… Die Stimmung war allseits gemischt. Auf der einen Seite ist die Schonzeit nun vorbei und man wird sozusagen ganz alleine ins kalte Wasser geschmissen, auf der anderen Seite freut man sich auch, dass die lange Phase der Vorbereitung nun vorbei ist und es endlich so richtig los geht!

So fuhren gestern also alle per Bus in ihre jeweiligen Projekte. Für einige ging es nach Uruguay, für andere nach Paraguay, wieder andere machten sich auf den Weg in die nördlichen Provinzen Argentiniens… Naja, und wieder andere sind einfach in Buenos Aires geblieben.

So bin ich gestern mit meinen beiden Mitbewohnern in unsere WG gezogen, die sich nur 3 Quadras vom Isedet entfernt befindet. Das war n cooles Gefühl für uns alle drei – die erste eigene Wohnung aufzuschließen und zu beziehen!!
Ich hab auch schon Fotos von der WG hochgeladen und sogar ein kleines Video gedreht, in der ich einen Rundgang durch die Wohnung mache. Könnt ihr euch in dem Album „unsere Wohnung“ angucken!
Mir gefällt die Wohnung nach wie vor wirklich gut. Sie ist zwar klein, aber trotzdem gemütlich und irgendwie schön. Des Weiteren liegt sie einfach total zentral, direkt an der Plaza Flores. Das heißt: Alle Busse fahren quasi direkt vor meiner Haustür ab. Supermarkt, Bäckerei, Gemüsehändler, Wäscherei ist alles um die Ecke… Mit Jonas und Simon, meinen beiden Mitbewohnern, verstehe ich mich nach wie vor bestens! Ich glaube, es warten lustige Zeiten auf uns drei.

In Flores (so heißt der Stadtteil, in dem ich wohne) kann ich mich auch schon viel besser orientieren und fühle ich mich immer mehr zu Hause. Gerade tagsüber ist hier wirklich viel los. Nachts ist es allerdings ein bisschen unheimlich, da viele Obdachlose in den Straßen schlafen, was auf der anderen Seite schon wieder schlimm anzusehen ist. Neulich habe ich nachts eine Familie gesehen, die auf der Straße lebt. Während der Vater irgendwie versuchte, sich und das Baby mit Pappkartons zuzudecken, hat die Mutter im Straßenmüll nach Essensresten gesucht. So etwas jeden Abend zu sehen, da es sich einfach vor deiner Haustür abspielt, ist schon irgendwie ungewohnt, traurig, bedrückend... (mir fällt kein wirklich passendes Wort ein.)

Flores ist einer der wenigen Stadtteile in Buenos Aires, in denen alle drei Bevölkerungsschichten zu finden sind (reich, mittel, arm), was häufig Überfällen führt.
Daher darf ich mich abends nicht alleine draußen bewegen, was irgendwie umständlich und nervig ist. Aber naja… hilft ja nix. Ein Ex-Voluntär hat mir neulich gesagt: Alleine wärest du ein gefundenes Fressen für n Überfall – blond, gut/reich angezogen, mit Tasche -> keine Chance! Insofern nehme ich es dann doch in Kauf, zeitlich an andere gebunden zu sein anstatt nachts alleine durch die Gegend zu laufen.

Da Montag irgendein argentinischer Feiertag ist, genießen wir im Moment noch unser langes Wochenende. Gestern waren wir beispielsweise auf Geburtstagsfeier von einem ehemaligen Voluntär und heute haben wir zu sechst einen Ausflug zu so einem Naturschutzreservat gemacht, das mitten Buenos Aires liegt. Naja… so spektakulär war die Natur da jetzt nicht, aber trotzdem war es schön, mal etwas anderes als Hochhäuser zu sehen.
Außerdem haben wir gerade den ersten großen WG-Einkauf gemacht und das erste mal gemeinsam gegessen.

Mal gucken, was wir morgen machen. Vielleicht mache ich mich mal auf die Suche nach Möbeln für mein Zimmer – ach ne, ist ja Feiertag! Nagut… dann wann anders.

Huiiii… das war jetzt aber ein langer Eintrag. Und bestimmt hab ich trotzdem noch wichtige Dinge vergessen. Dienstag geht’s für mich dann das erste mal zur Arbeit, worauf ich mich schon sehr freue! Dann berichte ich wieder neu.

Hasta luego, mis amigos!


Mir geht’s gut, ich hoffe euch auch.

eure Merle

Sonntag, 9. August 2009

Fotos !!!!!!!!!!!

Sooooo, es ist endlich so weit!
Ich hab es mit einiger Hilfe der hier anwesenden computerbewanderten Herren geschafft, mir ein Webalbum anzulegen. Das heißt ich kann ab jetzt regelmäßig Fotos hochladen und sie euch in einem Onlinealbum präsentieren. Damit ihr diese Onlinealben angucken könnt, müsst ihr einfach auf den Link "Bilder" oben rechts an der Seite klicken. Probiert's mal aus...

Heute waren wir beispielsweise wieder auf einer Feria, dieses Mal in dem kleinen Stadtteil San Telmo. Es war sehr nett, allerdings wesentlich touristischer, als die Ferias auf denen wir die letzten beiden Wochenenden waren. Naja, die traditionellen Folkloregruppen und Tangopäärchen hat man sich dann natürlich trotzdem angeguckt.
Und das wichtigste: Heute habe ich mir meine erste eigene Mate gekauft! Das ist wirklich ein kleines besonderes Ereignis, da die Argentinier sagen, dass jeder seine eigene, zu ihm passende Mate finden muss. Sprich: die Verzierung der Mate, die du dir ausgesucht hast, sagt gleichzeitig etwas über deine Persönlichkeit aus.
Clever wie ich bin, hab ich natürlich vergessen die zu fotografieren. Kommt noch...
Sie ist klein, rund, dunkelrot und mit so eingeschnitzten Blüten verziert. Mir gefällt sie!

Samstag, 8. August 2009

So, jetzt schreibe ich noch eine Ergänzung zu dem letzten Eintrag über die Murga.
Wir sind mit dem Zug (und später noch Bus) zur Casa San Pablo gefahren. Die Casa San Pablo ist ein anderes Straßenkinderprojekt der IERP in dem einige von unseren Freiwilligen arbeiten werden.
Zug fahren ist hier in Argentinien auch eine ganz andere Angelegenheit als in Deutschland. Züge kommen prizipiell nie pünktlich - nie! Als ich einem Argentinier erzählt habe, dass die Deutsche Bahn ihren Kunden bei Verspätung den Fahrpreis zurück erstattet, hat der sich halb tot gelacht. Er meinte, wenn das in Argentinien der Fall wäre, wäre er mitlerweile wahrscheinlich Millionär.
Naja, auf jeden Fall gibt es in jedem Zug einen Wagon ohne Bänke, wo die Leute einfach rumstehen, ihre Fahrräder transportieren oder auf m Boden sitzen. Außerdem stehen in diesem Abteil die Fenster sperrangelweit auf, was natürlich als sofortige Einladung interpretiert wird, gegen das Rauchverbot zu verstoßen. Und so kommt es, dass in diesem Wagon eben sehr viel geraucht wird - und zwar alles! Der Geruch von Marihuana, der in der Luft liegt ist derartig penetrant, dass er einfach nciht zu überriechen ist. Ist schon n komischer Unterschied... stellt euch mal vor, ihr würdet in Dtl in n Zug steigen und das ganze Abteil ist erst mal am kiffen...
Naja, unsere Gruppe war dann auf jeden Fall sehr schnell das Zentrum der Aufmerksamkeit. Klar, wir hatten ja auch drei blonde Mädels dabei. Grund genug für die ArgetniniER (!), sich um uns zu stellen und uns eine geschlagene halbe Stunde anzustarren.Wir wurden angesprochen, gefragt woher wir kommen, was wir hier machen und ob wir Interesse hätten, etwas von ihrem Gras zu kaufen. Verrücktes Land, verrückte Leute!

Wo wir gerade beim Thema öffentliche Verkehrsmittel sind: Am Liebsten fahre ich hier UBahn bzw hier "Subte" genannt. Die kostet pro Fahrt 1.25$, also umgerechnet etwa 0.23€. Die Ubahnlinie, die wir hier am meisten nutzen, wird von so ganz alten, antiken Zügen befahren. Es ist echt jedes Mal ein Erlebnis, wenn du erst mal ne halbe Minute mit der Abteiltür kämpfen musst, bevor sie aufgeht und der Zug dann fast schon wieder weiterfährt.
Aber dafür reist man eben mit dem schönen, gemütlichen Flair dieser Züge...

Ansonsten gehts mir nach wie vor gut. Mittlerweile sind ziemlich viele der Voluntäre hier krank geworden. Ich hab zum Glück kein Fieber oder so, sondern nur n bisschen Schnupfen und Halsschmerzen. Damit kann ich aber leben, indem ich einfach ganz viel Tee trinke und mit schönen homöopatischen Salben rumschmiere (lieben Gruß an Mama an dieser Stelle ;)

So, nach einiger Zeit hab ich es dann auch endlich mal geschafft, ein paar Fotos zu machen, bzw mir die Bilder von den anderen geben zu lassen.
Links ist ncoh mal ein Bild vom Murga trommeln, rechts helfe ich dem Benny gerad dabei Spätzle zu kochen und auf dem Bild links unten bekommt ihr einen Eindruck von dem Chaos, das bei uns im Zimmer herrscht. Klar, wenn 8 Mädels drei Wochen in einem Zimmer ohne Schränke und Regale wohnen... Das vierte Bild zeigt die Avenida de Mayo, eine der größten und befahrendsten Straßen in BsAs, mit dem berühmten Obelisken im Hintergrund. Welch schöne Stadt... Auf jeden Fall solche Teile davon...

So, jetzt haben n paar Jungs gerade Gyrosauflauf gekocht. Bin gespannt wie das schmeckt, boah hab ich Hunger!
un abrazo
eure Merle