Mittwoch, 26. Mai 2010

Bicentenario und Córdoba

Vergangenes Wochenende war es endlich soweit:
Argentinien wurde 200 Jahre alt!
Anlässlich dieses hohen Geburtstages haben die Argentinier einfach mal zwei ganze Werktage, nämlich Montag und Dienstag zu Feiertagen erklärt. Während dieses langen Wochenendes befand sich die Stadt natürlich im Ausnahmezustand. Die 9 de Julio, eine der Hauptverkehrsstraßen im Zentrum, war für komplette vier Tage gesperrt und in eine riesige Volksfest-Meile verwandelt. Überall waren riesige Bühnen aufgebaut, es gab Festumzüge, Militärparaden und allerlei Aktionsstände zu den einzelnen Provinzen des Landes. Insgesamt hat mich die Atmosphäre und das Erscheinungsbild dieses Volksfestes sehr an die Kieler Woche erinnert, nur 'n paar Nummern größer.
Da dieses ganze Thema "Bicentenario" in diesem Jahr natürlich sämtliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens hier in Argentinien dominiert, haben wir auch mit den Kindern in La Paloma zu dem Thema gearbeitet. An einem Tag haben die Kinder sich zum Beispiel im Stil des 19.Jahrhunderts verkleidet. Außerdem haben wir spielerisch mit ihnen erarbeitet, wie die Menschen damals in Argentinien wohl gelebt haben, welche Brufe es damals gab, welche Fortbewegungsmittel, welche Bräuche und welche Gerichte. Natürlich wurde auch behandelt, wie sich die Argentinier im Jahr 1810 ihre Unabhängigkeit von den Spaniern erkämpft haben.
Letzten Freitag wurden dann alle Kinder mit ihren Familien nach La Paloma eingeladen, um gemeinsam das Bicentenario zu feiern. Es wurde gegrillt, köstliches Choripan (scharfe, dicke Wurst im Brötchen) gegessen und gespielt. Außerdem haben sich auch die Familien mit Kleidern der Jahrhundertwende verkleidet und Fotos von sich machen lassen. Insgesamt sind diese Tage, an denen wir Familienfeste in La Paloma ausrichten, immer wahnsinnig wuselig, chaotisch und anstrengend, aber trotzdem auch irgendwie schön und vor allen Dingen familiär. Man merkt oft, wie aufgeregt die Kinder sind, dass ihre Mütter und Geschwister mitbringen dürfen, wie sie mit ihren kleinen Geschwistern auf dem Arm ganz stolz durch La Paloma rennen. Und auch für die Mütter sind diese Veranstaltungen absolute Highlights im täglichen, langweiligen Barrioleben, sie genießen es am Rand gemeinsam Mate zu trinken, Fleisch (!) zu essen und mal selbst von dem Programm, das wir organisieren unterhalten zu werden...
Nachdem ich also Freitag mit dem Familienfest in La Paloma beschäftigt gewesen bin und mir am Samstag das Spektakel in der Innenstadt angeschaut habe, hab ich mich für die verbleibenden drei freien Tage mit einem Schwung anderer Voluntärinnen auf nach Córdoba gemacht. Córdoba ist nach Buenos Aires die zweitgrößte Stadt Argentiniens und liegt 10 Stunden Busfahrt entfernt mitten in den Bergen. Dieser 3-tägige Trip raus aus dem Gewusel der Großstadt hat echt Spaß gemacht, außerdem versuche ich jetzt in meiner letzten Zeit jede Gelegenheit zu nutzen, um noch ein bisschen mehr vom Land kennenzulernen. Nachdem wir also am ersten Tag unser Hostel bezogen hatten, machten wir uns auf richtung Stadtzentrum, wo wir zufällig auf Plakate der Ausstellung "Körperwelten" stießen. So eine einmalige Gelegenheit diese weltweit bekannte und diskutierte Ausstellung zu sehen, ließen wir uns natürlich nicht nehmen. Mir hat sie eigentlich ziemlich gut gefallen. Natürlich sind die dort ausgestellten toten Körper jetzt nicht wahnsinnig schön oder ästhetisch, dafür allerdings sehr interessant anzusehen. Man lernt viel über die menschliche Anatomie, Krankeitsbilder, Organschäden usw.
Den zweiten Tag verbrachten wir dann mit einem Ausflug in das etwas außerhalb gelegene Bergdörfchen Alta Gracia, um das dortige Che Guevara-Museum zu besuchen. In dem alten Wohnhaus seiner Familie, wo er den Großteil seiner Kindheit verbrachte, ist eben heute ein Museum, in dem lauter Fotos, Gegenstände und Gemälde zum Leben und Wirken des Revolutionärs ausgestellt werden. Auch diese Ausstellung hat mir wirklich gut gefallen, da man als Besucher einfach nur durch das kleine, idyllische Landhäuschen schlendert, sich die Exponate mehr zufällig ansieht und daher gar nicht unbedingt das Gefühl hat, in einem Museum zu sein. Außerdem wurde dadurch, dass man primär Dinge über die Kindheit und Jugend von ihm informiert wird, das heroische Bild des Revolutionärs und der weltweit herrschende Che Guevara-Kult etwas relativiert, fand ich.
Da zwei Mädels von uns unbedingt die Gelegenheit der für's Reiten bekannten Berglandschaften in der Umgebung von Córdoba nutzen wollten, ließen Lisa und ich, beide eher blutige Anfängerinnen im Umgang mit Pferden, uns am letzten Tag noch dazu breitschlagen, an einem Reitausflug teilzunehmen. Nach einer Stunde hubbeliger Autofahrt durch die Berge endlich am Zielort angekommen, eröffnete unser Guide uns beim Begrüßungs-Mate-trinken, dass die Pferde mit denen er arbeitet, eigentlich alles Wildpferde sind, die frei im Campo rumlaufen, sich völlig selbst versorgen und eigentlich auch niemandem wirklich gehören. Er habe die sie allerdings natürlich schon zugeritten, sodass wir keine Angst zu haben bräuchten. Nachdem ich dann irgendwann meine erste Scheu vor den Tieren überwunden und mich mit dem mir zugeteilten Pferd angefreundet hatte, gelang es mir sogar, den Ausflug zu genießen. Dreieinhalb Stunden sind wir querfeldein durch das Gelände geritten, alles vor der malerischen Kulisse der Anden. Das war wirklich wunderschön! Am Ende bin ich sogar ein paar mal galoppiert (ohne runterzufallen!). Abgerudet wurde der Tag dann noch mit einem leckeren Asado in der letzten warmen Herbstsonne. Danach hatte ich zwar einen Sonnenstich, Muskelkater im Popo und ein viel zu großes Loch in meinem Geldbeutel, war aber auch sehr stolz und zufrieden. Wir waren auch alle so fertig hinterher, dass wir auf der Rückfahrt nachts im Bus so tief schliefen, dass wir am nächsten Morgen beinahe unsere Ankunft am Retiro verpasst hätten, wenn die Busfahrer uns nicht geweckt hätten.
Also, ham wa wieder viele, wertvolle Erfahrungen in den letzten Tagen gesammelt!
Im neuen Fotoalbum gibt's 'ne Menge abenteuerlicher Bilder zu bewundern.
In diesem Sinne: Viva Argentina!
eure Merle

Donnerstag, 20. Mai 2010

un pocito de todo :)

(von allem ein bisschen)

Lang lang ist's her, dass ich gebloggt habe. Daher wird es mal wieder Zeit, von den schönen Seiten meinen argentinischen Lebens hier zu berichten.
Mittlerweile sind meine Tage gezählt, in zwei Monaten sitze ich schon wieder im Flieger richtung Heimat. Daher versuche, die letzten Wochen hier umso intensiver zu erleben und dabei wird mir so langsam bewusst, was ich in Deutschland alles vermissen werde. Angefangen bei ganz alltäglichen Situationen auf der Straße...
Neulich war ich zum Beispiel mit einer Freundin auf der Feria in Mataderos unterwegs, als sich mir auf einmal ein kleiner, korpulenter Herr höheren Alters in den Weg stellte. Da er aus irgendeinem Grund nicht sprechen konnte, kommunizierte er in Zeichensprache. Er zeigte zuerst auf meine Augen, griff sich dann theatralisch ans Herz und täuschte einen Herzinfarkt vor... Danach gab er mir die Hand, drehte sich um und ging wieder. Ich glaube, so ein schönes Kompliment habe ich lange nicht bekommen :)
Eine andere, durchaus typische Situation unseres WG-Lebens ereignete sich vergangenes Wochenende. Als Simon zufällig eine Jeans von Jonas, die über einem Stuhl hing, hoch hob, kullerte aus Jonas' Hosentasche mein seit langem vermisster Labellolippenstift (aus Deutschland! daher so heiß begehrt) hervor... Als ich Jonas dann etwas zerknirscht, fragend anguckte, war sein Kommentar nur: "Dies ist einer der Momente, in denen man am liebsten im Boden versinken würde!"
Da eine meiner Kolleginnen für längere Zeit krank geschrieben ist, betreue ich zur Zeit die Gruppe der "Pekes", der ganz Kleinen, mit. Die Mehrheit der Kinder hat erst vor kurzem in La Paloma angefangen, sodass für sie vieles noch neu und aufregend ist. Für mich ist es super krass zu sehen, wie verschieden die Kinder der Gruppe sind. Alle sind zwischen 4 und 6 Jahren alt, kommen aber natürlich aus unterschiedlichen Familienverhältnissen. So kann zB ein 4-jähriger Junge, der schon seit einem Jahr in den Kindergarten geht und aus einer halbwegs strukturierten Familie kommt problemlos alle Farben und Tiere auseinander halten, während ein anderes Kind selben Alters, das jedoch nie in irgendeiner sozialen Einrichtung gewesen ist, einen Tiger noch als Vogel bezeichnet und auch Schwierigkeiten hat, sich den Unterschied für längere Zeit zu merken. Anhand solcher Situationen merkt man schnell, wo bei den Kindern Lücken sind und woran man mit ihnen arbeiten kann. Das macht Spaß! Außerdem sind die Kleinen einfach auch sehr sehr süß und ich merke, wie schnell sich eine Bindung zu ihnen aufbauen lässt. Klar, der Niedlichkeitsfaktor ist in dem Alter halt ziemlich hoch! Gerade mit einem 4-jährigen Mädchen, nennen wir sie Moni, erlebe ich zur Zeit eine herzzerreißende Situation nach der anderen. Neulich hat sie beispielsweise beim Duschen Schaum in die Augen bekommen und fing natürlich fürchterlich an zu weinen. So stand sie ganz verzweifelt unter dem laufenden Wasser und rieb sich hilflos die Augen, wodurch das Shampoo aber nur noch tiefer ins Auge geriet. Da sie partout nicht mit sich reden ließ, hab ich irgendwann ihren Kopf in den Nacken gelegt und ihr den Schaum vom Gesicht gespült. Nachdem dann endlich alles weg war, traute sie sich aber immer noch nicht die Augen wieder aufzumachen, daher griff sie einfach blind aus der Dusche heraus, ergriff das erste Stück Stoff, dass sie zu fassen bekam und putzte sich ihre vom vielen Weinen schnodderige Nase an meinem Pullover ab. So dankt einem eine 4-jährige also die dramatische Rettung ihres Augenlichts ;-) Doch eigentlich mag ich die tägliche halbe Stunde mit den Kindern im Bad sehr gerne. Das sind immer schöne, zutrauliche Momente voller Handtuch-Kuscheleien, Strumpfhose anziehen und Schleife binden üben.
An einem anderen Tag beobachtete ich, wie die kleine Moni irgendetwas kaute, während sie gerade mit den anderen Kindern Ticker spielte. Als ich sie fragte, was sie denn da im Mund hatte, spuckte sie auf einmal ein Puzzleteil aus. Da holte ich mir die Kleine auf den Schoß und erklärte ihr, dass so etwas nicht geht. Sie wisse doch schließlich, dass man Puzzleteile nicht essen kann und dass man sich nicht einfach Dinge in den Mund steckt. Sie sei ja schließlich kein Baby mehr, außerdem fehle dem Puzzle jetzt ein Teil. Während ich so mit ihr redete, füllten sich ihre Augen mit Tränen und sie konnte mir vor lauter schlechtem Gewissen gar nicht mehr ins Gesicht gucken. Das zerriss mir in dem Moment echt fast das Herz! Ich hab sie dann in den Arm genommen, ihr gesagt, dass ich nicht böse auf sie sei und dass sie nur aufpassen solle, nicht wieder Puzzleteile zu essen. Dann spielten wir noch 'ne Runde "Hoppe hoppe Reiter" (mittlerweile kann Moni sogar den Text auf Deutsch (!) mitsingen) und danach war alles wieder in Ordnung... Oh Gott, ich merke selbst, wie belanglos diese Geschichten im Vergleich zu meinen alten Beiträgen erscheinen, doch solche Dinge prägen nun mal irgendwie meine Zeit hier, was mir gerade in Anbetracht meiner davonlaufenden verbleibenden Wochen immer bewusster wird. Diese Momente in La Paloma möchte ich um nichts in der Welt missen!
Noch in derselben Woche, habe ich eine Kollegin zu Hause besucht. Da sie und ihr Mann gerade ihr erstes Kind erwarten, sind sie zur Zeit fleißig am Zimmer renovieren, was sie mir gerne zeigen wollte. Der Besuch in ihrem Häuschen war irgendwie beeindruckend für mich. Eine ganz süße, kleine Casita auf nur einer Etage mit insgesamt 3 Zimmern. Alles war sehr sauber und liebevoll eingerichtet... echt schön und gemütlich! Auf dem Nachhauseweg verglich ich allerdings die Wohnsituation meiner Kollegin und ihrer Familie, die ich als typische argentinische Mittelschicht bezeichnen würde, mit der Wohnsituation in der ich groß geworden bin... Wir als 4-köpfige "Mittelstandsfamilie" aus Deutschland hatten ein 4-stöckiges Reihenhaus, Garten, Auto, Fahrräder usw... Meine Kollegin hat dagegen dieses Jahr auf ihren Sommerurlaub verzichten müssen, um das vielleicht 10m² große Kinderzimmer renovieren zu können.

So, das war's für's erste. Kommendes Wochenende fahre ich für drei Tage mit ein paar Mädels nach Córdoba, die zweitgrößte Stadt Argentiniens. Danach berichte ich wieder neu.
Liebste Grüße aus dem herbstlichen Buenos Aires,
eure Merle

Dienstag, 27. April 2010

Paloma-Geschichten

Mal wieder ein paar Geschichten aus dem paloma'schen Alltag:
(Namen wie immer alle geändert)

Letzten Donnerstag ist ein 8-jähriger Junge aus mener Gruppe, der sonst eigentlich immer zu La Paloma kommt, nicht erschienen. Als ich seine große Schwester gefragt habe, wo denn ihr Bruder stecken würde, antwortete sie mir, er wäre mit seiner Mutter bei einer "Piquete". Da ich das Wort nicht kannte, fragte ich bei meinem Kollegen nach, der mir folgendes erklärte:
In den Barrios, in denen die Kinder wohnen, gibt es vielerlei politische und gesellschaftliche Organisationen, die zu klein, zu radikal und zu unprofessionell sind, um als offizielle Partei / Verein / Club / Gesellschaft eingetragen zu werden. Da sie ihrem politischen Protest aber dennoch irgendwie ausdruck verleihen wollen, rufen sie regelmäßig zur Piquete auf. Bei dieser Piquete versammeln sich dann die Leute der Organisation und sperren beispielsweise eine Straße ab, stecken Autos in Brand oder besetzen öffentliche Gebäude. Um dem Protest mehr Ausdruck zu verleihen, rufen sie im Barrio zur Unterstützung auf, allerdings mit der Ansage, wenn eine Familie zur Piquete kommt und den Aufstand unterstützt, kriegen sie dafür Geld - und je mehr Leute sie mitbringt, desto mehr Geld gibts. Tja, auch das ist für die meist armen Familien aus den Barrios eine Möglichkeit Geld zu verdienen. Nur blöd, dass die kleinen Kinder da schon mit hin müssen und folglich an dem Tag mal wieder die Schule verpassen. Des Weiteren wurde mir erzählt, dass die Organisationen für Jugendliche ab 14/15 Jahren eine andere Bezahlung für die Teilnahme an der Piquete anbieten: Wer kommt und auch ordentlich Krawall macht bekommt hinterher 50 Peso und eine Tüte Kokain. So viel zum Thema "politische Freiheit" in Argentinien - man muss sich seine Anhänger mit Geld und Drogen erkaufen...

Ein weiteres Beispiel zum Leben in den Barrios:
Vergangenen Freitag habe ich mich eine Stunde von den Kindern abgesetzt, um eine Aktivität vorzubereiten. Ich hatte Fotos von den Kindern entwickeln lassen und wollte diese mit ihnen schön bebasteln, um sie dann im Salon aufzuhängen. Da ich es ein bisschen besonders machen wollte, schrieb ich die Namen der Kinder mit Zitronensaft unter die Fotos. Kennt ihr diese Methode der "Zauberschrift"? Wenn man etwas mit Zitronensaft auf das Papier schreibt und dies dann über eine Kerze hält, erscheint das Geschriebene wie von Zauberhand auf dem Papier. Auf jeden Fall schloss ich mich mit den Fotos, einer Kerze und einer Zitrone in einem Raum ein, um die Bastelei in Ruhe vorzubereiten. Außerdem sollten die Kinder ja noch nicht sehen, was wir später machen werden. Dies bekam der 11-jährige Fernando mit. Er wurde neugierig, was ich dort wohl in dem Raum machen würde und hämmerte wie wild an die Tür. Nachdem er mich lange genug genervt hatte, öffnete ich die Tür, um ihm zu sagen, dass er nun bitte verschwinden sollte. Doch kaum war die Tür offen, stüzte Fernando herein. Als er sah, was ich ausgebreitet hatte, fegte er alles mit einem Wisch vom Tisch. Ich dachte ich guck nicht richtig !! In so einem Moment an sich zu halten, Ruhe zu bewahren und das Kind nicht einfach laut zu beschimpfen, ist echt schwierig sag ich euch... Auf jeden Fall bin ich böse geworden und hab Fernando rausgeschmissen, allerdings mit der Ansage, dass wir darüber später noch reden werden. Kurze Zeit später, nachdem ich wieder alles aufgeäumt und den Salon aufgeschlossen hatte, kam er wieder. Er nahm sich Palstikchips aus einem Spielkarton und fing ohne Grund an, mich mit diesen Chips zu bewerfen... Ich weiß zwar, dass der Junge aus einer schwierigen Familie kommt, Drogen konsumiert und eben gerne provoziert und ärgert, um seinem Frust Luft zu machen, aber das wir mir in dem Moment zu viel. Ich rief meine Kollegin zur Hilfe, die das Geschehen an dem Tag miterlebt hatte und Fernando eine ordentliche Standpauke hielt. Muss auch mal sein... Später erfuhr ich jedoch etwas von meiner Kollegin, was mich die ganze Situation besser verstehen lässt:
In den Barrios gibt es neben den politischen Organisationen seit neustem auch religiöse Gemeinschaften. Diese Gemeinschaften sind zwar an die katholische Kirche angelehnt, haben aber eine weitaus spirituellere Ideologie. Sie laden regelmäßig zu Gottesdiensten und Kulto-Sitzungen ein, bei denen dann in einer etwas ominösen Art und Weise gebetet wird... Eben auch mit Kerzen, Räucherstäbchen, Wodoo und dem ganzen Kram. Ich will diese religiösen Verbände jetzt nicht direkt als Sekten betiteln, aber so ein bisschen fanatistisch, skurril ist die Sache schon. Bei den Zuständen, die im Barrio herrschen (Perspektivlosigkeit, Armut, Gewalt, Drogen, Langeweile...) ist es auch kein Wunder, dass die Menschen sich von solchen religiösen Treffen mitreißen lassen. Dort finden sie Trost, Zusammenhalt und immerhin irgendeine Beschäftigung...
Viele Mütter deren Kinder zu La Paloma kommen, nehmen an solchen Gebetsstunden teil, so auch die Mutter von Fernando. Allerdings merkt Fernando, dass das irgendwie komisch ist und dass seine Mutter sich ein bisschen verändert. Naja, und als er mich an diesem Tag sah, wie ich mich mit einer Kerze und den Fotos in einem Raum einschloss, dachte er im ersten Moment, ich würde da drinnen irgendeinen Hokuspokus veranstalten und die Kinder verfluchen. Nachdem ich und meine Kollegin dieses Missverständnis aus der Welt geschafft hatten, war er auch bereit, sich bei mir zu entschuldigen. Natürlich ist all das keine Entschuldigung dafür, wie respektlos er sich mit gegenüber verhalten hat, aber es macht die ganze Sache etwas leichter nachvollziehbar...

La Paloma selbst liegt am äußeren Rand eines Barrios in San Justo. Ein großes Problem dort sind die vielen freilaufenden Hunde, die keinen Besitzer haben, sich auf der Straße rumtreiben und nicht selten Tollwut haben. Neulich wurde ein 6-jähriger Junge auf dem Weg zu La Paloma von einem Hund in die Schulter gebissen. Da die Kinder hier meistens nicht gegen Taetanus geimpft sind, haben wir sicherheitshalber den Notarzt gerufen, damit die Wunde professionell gereinigt wird. Als wir die Besitzer des Hundes (der besagte Hund war nämlich nicht herrenlos), die im Barrio wohnen, baten, die Kosten für den Notarzt zu übernehmen, meinten sie nur, dass sie dafür kein Geld hätten und warum wir die Kinder überhaupt auch so alleine, mitten auf der Straße herumlaufen lassen würden... Damit war das Thema dann für die Leute erledigt. Noch hat meine Chefin nicht entschieden, ob sie anwaltlich gegen die Leute vorgehen will oder nicht. Insgesamt geht es ihr weniger um die Arztkosten, als darum, dass die beiden Hunde der Leute angeleint werden, da neulich schon mal der Postbote attackiert wurde.

Dann ist noch etwas sehr Hässliches letzte Woche passiert... Dazu vorab folgende Erklärung: Der 9-jährige Rodrigo ist 'n kluges Kerlchen, ist normal entwickelt und macht allgemein keine großen Schwierigkeiten. Er geht morgens von 8 bis 12 in die Schule und verbringt den Nachmittag dann in La Paloma. Seit Beginn dieses Schuljahres muss er zusätzlich seinen Brüdern bei der Arbeit helfen, um Geld für die Familie zu verdienen. Daher zieht er um 17 Uhr, wenn La Paloma zu ende ist, noch bis 21 Uhr mit dem Karren los und sammelt Papier, Pappe und sonstige wieder verwertbare Dinge. Darin besteht übrigens die einzige Arbeit vieler armer Leute: Sie ziehen abends mit ihrem „Carro“ durch die Straßen und suchen im Abfall, den die Leute auf die Straße gestellt haben, nach nützlichen Dingen, die sie dann an extra dafür angelegte Sammelstellen verkaufen. Wenn Rodrigo und seine Brüder abends nicht genug Geld nach Hause bringen, kriegen sie Ärger von ihrem Vater. Dies war letzte Woche der Fall. Hinzu kam, dass Rodrigo an dem Tag auch noch eine Notiz von seiner Lehrerin in der Schulmappe hatte, dass er in letzter Zeit öfter keine Hausaufgaben gehabt hätte. (Klar, wann soll der Junge denn noch Hausaufgaben machen, wenn er 14 Stunden am Tag unterwegs ist und arbeitet ?!) Als der alkoholabhängige Vater davon Wind bekam, schlug er Rodrigo so grün und blau, dass er am nächsten Tag nicht an unserem geplanten Theaterausflug teilnehmen durfte, weil er Wunden im Gesicht und am Rücken hatte und sich nicht mehr richtig bewegen konnte. Den Rest der Woche ging er weder zur Schule noch zu La Paloma. Mich hat die Geschichte an dem Tag sehr mitgenommen, ich hatte eine unglaubliche Wut auf den Vater! Wie kann man seinem Kind so etwas antun???? Wie kann man sein Kind so misshandeln, ihm so einen besonderen Tag kaputt machen? Wie kann man dem Kind und der ganzen Familie ein solches Trauma bereiten?

Doch es gibt auch schöne, problemfreie Tage in La Paloma, so wie heute zum Beispiel: Heute haben wir Rodrigos 10.Geburtstag nachgefeiert. Er bekam ein Paar neue Adidas-Turnschuhe und eine Trainingsjacke vom TSV Russee (beides Sachen, die Freunde meiner Eltern gespendet hatten). Als er die Sachen während der Merienda im großen Comedor auspackte, rief er "Uhhhhh, re piola!" (also so viel wie: "wie geil!") und zum Glück passten die Sachen auch wie angegossen.
Außerdem war heute ein Mädchen von unseren Jugendlichen mit ihrem 3-monate alten Baby zu Besuch in La Paloma... Während die 17 Jahre junge Mama endlich mal wieder Zeit mit ihren Freunden verbringen konnte, hab ich mich um die Kleine gekümmert. Irgendwann ist sie dann auf meinem Arm eingeschlafen und hat vor sich hingeträumt. Ach Mensch, so Babys haben schon was... so süß und friedlich! Aber keine Angst: Ich kann mir meine Muttergefühle noch für später aufheben ;-)

Das war mal wieder ein kurzer Einblick in das, was ich in La Paloma so erlebe und wie ich daraus lerne.
Des Weiteren habe ich meinen dritten Zwischenbericht online gestellt (siehe rechte Spalte), in dem ich noch mehr über derlei Dinge berichte.
Ich hoffe euch geht's gut. Hasta luego muchachos!

Donnerstag, 15. April 2010

"Ich bin ein Buenos Airisser!"

Vor drei Wochen war es endlich so weit:
Am Abend des 29. März stand ich ganz aufgeregt am Flughafen und habe eine gefühlte Ewigkeit auf meine lieben Eltern gewartet. Nach über einer Stunde Wartezeit kamen sie dann auch endlich aus der Absperrung und die Wiedersehensfreude war groß. Zwar kamen meine Eltern gut an, doch leider gingen auf dem Flug drei der insgesamt vier Gepäckstücke verloren. Uns wurde versprochen, dass die Koffer innerhalb der nächsten zwei Tage ins Hotel geliefert werden würden. Zu dem Zeitpunkt ahnten wir noch nicht, welch eine Odyssee uns bevorstand, denn natürlich tauchten das Gepäck nicht auf - nicht am ersten, nicht am zweiten und auch nicht am dritten Tag. Dementsprechend rief ich vier Vormittage in Folge bei der Fluggesellschaft an, packte mit steigender Wut mein komplettes Vokabular an spanischen Schimpfwörtern aus und meckerte mich so lange durch die gesamte Callcenterabteilung, bis ich am letzten Tag schlussendlich den Abteilungsleiter an der Strippe hatte. Und siehe da: Nachdem ich mich auch bei diesem "netten" Herren über die Inkompetenz seines chaotischen Saftladens ausgelassen hatte, standen am nächsten Morgen (zwar vier Tage zu spät, aber immerhin!) die Koffer meiner Eltern in der Tür. Dieses Gezeter mit dem fehlenden Gepäck brachte also einen etwas nervigen, unschönen Start mit sich, aber nichtsdestotrotz begannen wir die gemeinsame Zeit zu nutzen. So machten wir zum Beispiel gleich am ersten Nachmittag eine Stadtrundfahrt durch die Innenstadt und zu den Sehenswürdigkeiten von Buenos Aires. Auf dieser Stadtrundfahrt prägte Papa außerdem den Satz "Ich bin ein Buenos Airisser!", als er ganz stolz die Route des Busses auf einem Stadtplan mitverfolgen konnte, woraufhin ich mir dann den Rest der Woche erklären lassen durfte, wo die jeweils gesuchte Straße sei und das ich mich ja überhaupt nicht auskennen würde ;-)
Des Weiteren besichtigten Mama und Papa natürlich auch unsere WG, die meine Mutter spontan als "n bisschen ranzig, aber sympatisch" betietelte. Ich vermute, dass sie sich etwas an ihre Studentenbude erinnert fühlte...
Und dann kam der Tag, an dem ich meine Eltern mit nach La Paloma genommen habe. Dort angekommen, haben wir erst mal gemeinsam mit meinen Kollegen das ganze Charity-Gepäck ausgepackt. Viele Freunde aus Deutschland haben alte Fußballsachen, Kleidung, Spiele, Puzzle und Tuschkästen gespendet, sodass insgesamt zwei riesige Koffer voller toller Dinge zusammengekommen sind. Vielen Dank noch mal an dieser Stelle !!! Alle haben sich wahnsinnig über die Sachen gefreut. Die Fußballsachen werden für besondere Anlässe, wie zum Beispiel Geburtstage, aufgehoben und die Spiele und Puzzle sind sofort in den täglichen Gebrauch übernommen worden. Ganz La Paloma ist jetzt am Ausprobieren der neuen Spiele und ich bin ständig damit beschäftigt, die deutschen Spielanleitungen zu übersetzen und zu erklären. Es war toll, meine Eltern mal mit ins Projekt zu nehmen, ihnen alles zu zeigen und einen Eindruck davon zu vermitteln, worin meine tägliche Arbeit besteht. Außerdem waren die Kinder und meine Kollegen natürlich auch ganz gespannt, meine Familie kennenzulernen. Die Kinder zeigten sich besonders von der Größe meiner Eltern beeindruckt. Hinterher flüsterte ein 6-jähriger Junge mir zu "Merle, dein Papa ist ja 3x so groß wie ich. Stößt der sich nicht den Kopf an der Tür?"
Ansonsten verbrachten wir die Zeit mit den typischen Buenos-Aires-Aktivitäten: Wir waren shoppen, haben eine Tangoshow besucht, waren im Boca Juniors-Stadion und haben ein Fußballspiel gegen Rosario gesehen (leider hat Boca 1:2 verloren), sind essen gegangen, haben einen Tagesausflug nach Tigre gemacht und waren sogar ein mal in der Oper, wo wir die Premiere des "Fidelio" gesehen haben.
In der letzten Woche ging es dann noch mal für drei Tage nach Iguazu, wo wir dank meines Mitbewohners, der ein paar Tage zuvor auch mit seiner Familie nach Iguazu geflogen war, den Kontak zu einem Fahrer vermittelt bekamen, den wir dann für die Dauer unseres Aufenthaltes quasi als unseren Privatchaufeur engagierten. Der gute Mann hat uns durch die Gegend gefahren, uns Restauranttipps gegeben und sogar eine Tagestour mit uns gemacht, sodass wir Paraguay, Brasilien und Argentinien an einem Tag bereisen konnten. Highlight des Trips waren natürlich wieder die riiiiiiiiiiiesigen, wunderschönen Wasserfälle !!
Tja, und dann neigte sich der Besuch meiner Eltern auch schon dem Ende zu und sie flogen zurück nach Kiel, diesmal mit vollständigem Gepäck.
Es war ganz schön mal wieder ein bisschen Familie um sich zu haben und vor allen Dingen zeigen zu können, wie mein Leben hier ist!
Jetzt genieße ich noch die letzten drei Monate in der Ferne (ja, drei Monate nur noch !! Time is runnig!!) und dann freu ich mich auch schon ganz doll darauf, all die lieben Leute zu Hause wiederzusehen...

Montag, 22. März 2010

Eine besondere Woche

Diese Woche ist in mehrer Hinsicht besonders:
Am kommenden Mittwoch den 24. März ist "Día de la Memoria", ein nationaler Feiertag in Argentinien. An diesem Datum wude vor 34 Jahren, also im Jahre 1976 die damalige Präsidentin Isabel Peron gestürzt und die Militärs übernahmen die Macht in Argentinien - der Beginn der Militärdiktatur!
Der 24. März soll also an die Diktatur und an die währenddessen gestorbenen oder verschwundenen Menschen erinnern.
Anlässlich dieses Feiertages und der Wiederaufnahme der täglichen Salonaktivitäten steht diese Woche in La Paloma ganz unter dem Motto "Demokratie".
Heute haben wir Educadores uns zum Beispiel alle in rot/schwarz gekleidet und haben die Gruppe "Los Magio" ins Leben gerufen, die fortan die "Macht" in La Paloma übernahmen. Durch unsere Outfits sahen wir alle sehr uniform aus, wir haben uns einen internen neuen Gruß ausgedacht und in unserer eigenen nasal klingenden Schlumpfensprache geredet.
Nachdem wir uns den Kindern als die neuen Führer vorgestellt hatten, hingen wir überall in La Paloma Verbotsschilder auf. Wir haben alles verboten, was Spaß macht und alltäglich in La Paloma ist. Vortan durfte man nicht mehr Fußball spielen, sich nicht in Gruppen zusammenfinden, lachen oder Fragen stellen. Wenn die Kinder gegen eines dieser Verbote verstießen, wurden sie mit Wasserpistolen bestraft. Wir haben also quasi für eine Stunde unsere eigene, kleine Diktatur in La Paloma errichtet.
Die Kinder fanden dieses ganze Showprogramm natürlich in erster Linie witzig, doch es war spannend zu sehen, wie sich die Kinder nach einiger Zeit miteinander besprochen haben. Es waren Vorschläge zu hören wie: "Kommt alle hierher und dann hauen wir gemeinsam ab!"
Nach einer Stunde haben wir die Herrschaft der "Magio" dann aufgelöst und mit den Kindern das eben Erlebte besprochen. Es wurde erklärt, dass es vor gar nicht so langer Zeit wirklich eine solche Diktatur in Argentinien gab und dass das damals nicht so lustig ablief, wie wir es aufgezogen hatten. Dass damals das ganze Land von Angst und Schrecken beherrscht war, weil man nicht mehr öffentlich seine Meinung sagen durfte und wenn man es tat, musste man damit rechnen verschleppt zu werden.
Die Kinder haben ganz schnell verstanden, dass es ein Glück ist, dass es dieses System heute nicht mehr gibt. Trotzdem feiert man eben einmal im Jahr diesen Feiertag, um sich an das Geschehene zu erinnern.
In der kommenden Woche werden wir jedenfalls noch mehr Aktionen zum Thema "Demokratie" machen. Da wir jetzt nach der großen Sommerpause wieder mit den Gruppenaktivitäten in La Ploma beginnen, werden wir zum Beispiel eine große Wahl veranstalten, bei der die Kinder sich selbst mehrer mögliche Namen für ihre Gruppe überlegen und dann anhand von Stimmzetteln abgestimmt wird, wie die Gruppe sich das ganze kommende Jahr über nennen wird. Eben wie bei einer richtigen Wahl: Alle dürfen mitwählen, jede Stimme hat das gleiche Gewicht und am Ende müssen alle die gemeinsam getroffene Entscheidung akzeptieren.

Mittwoch, 24. März: Marcha

Heute war also der große Feiertag. Nachdem ich gestern abend mit fünf Mädels das Nelly Furtado-Konzert besucht hatte, war ich auch ganz froh, dass wir heute morgen etwas ausschlafen konnten. So gegen zwei Uhr mittags habe ich mich dann mit Hannah und meinen beiden Mitbewohnern auf den Weg richtung Innenstadt gemacht. Wir fuhren mit der Subte bis zum Congreso, dem Parlamentsgebäude von Buenos Aires, von wo aus eine der vielen Demonstrationen losgehen sollte. Als wir dort ankamen waren der Platz und die Straßen auch schon ziemlich gut mit Menschenmassen gefüllt.
Das besondere an dieser Demonstration ist, dass die verschiedensten Gruppen, Vereine und Trupps daran teilnehmen: Kirchen, Parteien, Universitäten, soziale Einrichtungen und NGOs... Und obwohl die Leute aus so unterschiedlichen Motivationen heraus und mit so unterschiedlichen Hintergründen kommen, haben sie doch alle den gleichen gemeinsamen Nenner für den sie kämpfen. Sie kämpfen für die politische und persönliche Freiheit des Einzelnen, für den Erhalt der Menschenrechte. Man sollte meinen, dass man in einem "so zivilisierten und europäisierten" Land wie Argentinien nicht mehr für solche Dinge zu demonstrieren braucht, doch der Tag heute hat mir gezeigt, wie groß vor allem noch das Bedürfnis der Bevölkerung ist, diesen Tag zu begehen. Dabei steht vor allen Dingen die Erinnerung an die 30.000 Menschen im Vordergrund, die während der Militärdiktatur in Argentinien "verschwunden" und ermordet worden sind. Die sogenannten "Desaparecidos" waren meist junge Leute, die (links-)politisch aktiv gegen das Regime waren. Sie wurden verfolgt, verschleppt, gefoltert und über dem Rio de la Plata aus Flugzeugen geworfen. Außerdem wurden viele Babys, die in Gefangenschaft geboren wurden, ihren jungen Müttern direkt nach der Geburt weggenommen und an die Familien hochrangiger Militärs gegeben. Diese Kinder sind heute um die 30 Jahre alt und wissen teilweise immer noch nichts von ihrer eigentlichen Herkunft und dem Schicksal ihrer Eltern.
Um diese Schicksale zu sühnen, auf die Desaparecidos aufmerksam zu machen und jenen dunklen Teil der Geschichte Argetniniens nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, versammeln sich also jährlich am 24. März zehntausende Menschen in der Innenstadt und demonstrieren auf der berühmten Plaza de Mayo, an der sich auch die Casa Rosada, das Regierungsgebäude, befindet. Allen voran marschieren natürlich die "Madres" der Plaza de Mayo, eine Gruppe Frauen/Mütter, die das ganze Jahr über daran arbeiten, Kinder von Verschwundenen zu ihren wahren Familien zurückzuführen. Außerdem kämpfen sie für die Verurteilung der Militärs, die damals vor über 30 Jahren dieses ganze Unrecht verbrochen haben. Denn leider befinden sich viele von ihnen noch immer auf freiem Fuß und wurden bisher noch nicht für ihre Vergehen zur Verantwortung gezogen.
Auf jeden Fall war es für mich ein beeindruckender Tag. Es war toll die Stimmung mitzubekommen, die verschiedenen jungen Menschen aus allen Teilen des Landes mit ihren Bannern und Schildern zu sehen. Außerdem war überall die Murga (= Trommel) zu hören, es wurde getanzt, gesungen und Mate getrunken. Und das alles in einer friedlichen, aber doch irgendwie bewussten und gespannten Atmosphäre.
Irgendwie fehlt so ein politisches Bewusstsein und dessen Umsetzung auf der Straße in Deutschland ein bisschen finde ich...

Freitag, 26. März: Día de la Votación

Um den Kindern ein „anderes“ System, nämlich die Demokratie als Pendant zur Diktatur, näher zu erklären, wurden gestern Wahlen zur Namensgebung der Gruppen in La Paloma veranstaltet.
Beide Kindergruppen überlegten sich während der zweitägigen Vorbereitungsphase Namensvorschläge für ihre Gruppen. Auf der Suche nach möglichen Namen wurden auch Nachbarn, Freunde und Bekannte befragt und sogar Eltern telefonisch zu Rate gezogen. Nachdem für jede Gruppe dann irgendwann drei Favoriten feststanden, fingen die Kinder an, Wahlplakate für die jeweiligen Namensvorschläge zu entwerfen. Meine Gruppe hatte sich auf folgende drei Vorschläge geeinigt:

- Los 5 Mosqueteros y sus 2 Princesas (die 5 Musketiere und ihre 2 Prinzessinen)
- Los Demonios 2010 (die Dämonen 2010)
- Los Originales (die Originale)






Wahlplakate








Außerdem wurden sowohl eine große, bunte Wahlurne als auch Personalausweise für jedes Kind gebastelt. Am Tag der Wahl wurde La Paloma dann in ein richtiges, kleines Wahllokal verwandelt. Die Kinder mussten ihren Personalausweis vorzeigen, sich einen Stempel geben lassen und durften dann in einer Wahlkabine ihre Stimmzettel ausfüllen. Am Ende des Tages haben wir die Stimmzettel vor aller Augen im Speisesaal ausgezählt und den Gewinner bekannt gegeben. Meine Gruppe hat sich mit überwältigender Mehrheit (6:1 !!!) für "die 5 Musketiere und ihre 2 Prinzessinen" entschieden. War klar, dass der längste und schwierigste aller drei Vorschläge gewinnt...
Auf jeden Fall wurden den Kindern durch dieses Procedere die wesentlichen Werte der Demokratie vermittelt: Entscheidungen müssen zusammen getroffen werden, alle dürfen mitmachen, jede Stimme hat das gleiche Gewicht und am Ende müssen alle das Ergebnis akzeptieren und mittragen.
Bleibt zu hoffen, dass sie diese Erfahrung wertschätzen und sie mit in ihr wirkliches Leben nehmen, dass der Gedanke der Demokratie und Solidarität in ihren Köpfen bleibt.

Bilder und Videos(!) dieser ereignisreichen Woche finden sich in dem Fotoalbum "Día de la Memoria".

Montag, 15. März 2010

... von coolen Kids und coolen Omas

Nach langer, langer Zeit melde ich mich zurück in der Welt der internetaktiven Menschen. Entschuldigt die lange Funkstille, aber ihr wisst ja wie das ist...
Als erstes möchte ich von unserem Campamento in Mar de Ajó, einem kleinen Ort an der Südküste Argentiniens, berichten.
Letzte Woche ist also ganz (!) La Paloma, alle Kinder, alle Jugendlichen und alle Mitarbeiter, für vier Tage auf's Campamento gefahren, welches für mich in vielerlei Hinsicht sehr lehrreich war (noch mal zur Erklärung: ein Campamento ist quasi wie ne Klassenfahrt, ein Ferienlager, ein großer Ausflug...).
Es ging damit los, dass vorher die Ansage gemacht wurde: Wir treffen uns alle am Donnerstagmorgen um 7 Uhr in La Paloma zur Abfahrt. Wer ist natürlich um halb 6 morgens aufgestanden, hat sich im Halbschlaf zum Bus geschleppt, um dann um Punkt 7 in La Paloma zu sein ?? Richtig: die naive, deutsche Voluntärin! Und wer war noch um Punkt 7 dort? Richtig: niemand !! (von dem kleinen, kleffenden Hund, der im Projekt wohnt mal abgesehen) Meine Mitarbeiter trudelten dann irgendwann gegen viertel vor 8 ein und die Kinder kamen sowieso alle ne Stunde zu spät. Hätte ich mir eigentlich auch vorher denken können, dass ein Treffen um 7 Uhr morgens von Argentiniern angesetzt unmöglich ernst gemeint sein kann und demzufolge auf keinen Fall wörtlich genommen werden sollte. Naja, wieder was gelernt.
Auf der Fahrt nach Mar de Ajó, was übrigens wörtlich übersetzt "Meer des Knoblauchs" heißt (kommt daher, weil die Bauern in der Gegend ihren Knoblauch im Meer auswaschen, bevor sie ihn verkaufen - kein Scherz!), konnte ich dann zum Glück noch ein bisschen Schlaf nachholen. Leider zog sich die Fahrt unglaublich in die Länge, sodass wir für eine Strecke von 380 km alles in allem sechs Stunden unterwegs waren. Hinzu kam, dass acht unserer insgesamt über vierzig Schützlinge sich während der Fahrt übergeben mussten, da sie einfach nicht an Reisen in einem Doppeldeckerbus, in dem es hin und wieder auch mal schaukelt, gewöhnt sind. Die Hinfahrt war also für alle ziemlich strapaziös. Umso größer war daher die Freude, als wir dann endlich in Mar de Ajó ankamen und es auch direkt zum Strand ging. Das war ein Spaß !!!! Ich glaub, ich hab die Kinder noch nie so euphorisch und ausgelassen erlebt, wie an dem Tag. Man muss dazu allerdings wissen, dass die große Mehrheit von ihnen zuvor noch nie das Meer gesehen hat, was für so n Kieler Deern wie mich, die ja praktisch am Surendorfer Strand groß geworden ist, vorher schwer vorstellbar war. Auf jeden Fall haben wir den Tag damit verbracht, über die Wellen zu hüpfen, Sandburgen zu bauen und Strandfußball zu spielen. Es ist übrigens sehr lustig zu sehen, wie sich Kinder im Angesicht des "sooo gefährlichen, reißenden Meeres" verändern. Während unsere Kleinste, die diesen Sommer gerade mal im Pool schwimmen gelernt hat, todesmutig nach vorne prescht und mit ihrem großen Bruder durch die Wellen taucht, klammern sich zwei von den sonst so coolen Jungs vor lauter Angst an meine Oberarme, weil ihnen das Wasser schon bis zu den Knien steht. Insgesamt war es einfach ein ganz toller Tag, der die Kinder in einem anderen Element, einem anderen Licht hat erscheinen lassen.
Zu dem Ort, wo wir mit allen untergebracht waren (einer Art Schullandheim an das wir über die Familie einer Mitarbeiterin gelangt sind), muss ich sagen, dass das Ding wahrscheinlich keiner deutschen Hygiene- Sichherheits- oder sonst was- Kontrolle standgehalten hätte: 7-Personenzimmer auf einer Fläche von vielleicht fünf Quaratmetern, morsche, dreistöckige Bettgestelle, Badezimer voller Dreck und Spinnweben, Kakerlakennester unter der Spüle, schimmelige Decken, Türen und Fenster... von den durchgelegenen, mit Ungeziefer verseuchten Schaumstoffmatratzen ganz zu schweigen. Trotzdem waren die Kinder völlig begeistert von dem Ort und fingen direkt an, ihre paar Habseligkeiten in den feuchten Schubladen ihrer Zimmer zu verstauen. Ein Mädchen hat sogar noch mal nachgefragt, ob es richtig ist, dass sie ein ganzes Bett für sich alleine hat und ob sie das wirklich nicht mit jemandem teilen müsste. Diese Reaktionen der Kinder lassen irgendwie darauf schließen, wie die Umstände wohl bei ihnen zu Hause sind, wenn sie auf die morschen Zustände in dem Heim schon so positiv reagieren. Aber vielleicht setze ich da meine europäischen Standard gewohnten Maßstäbe auch etwas hoch an...

Auf jeden Fall hielt sich die gute Stimmung. Abends wurden wir vom örtlichen Kinobetreiber, der ein Jugendfreund eines Mitarbeiters ist (tja, es läuft halt alles über Beziehungen heutzutage - auch in Argentinien!) ins Kino eingeladen und haben die neue Verfilmung von "Alice im Wunderland" mit Jonny Depp gesehen. Sehr süß war das, auch wenn die Hälfte der Kinder während des Films eingeschlafen ist. Strand, frische Luft, viele neue Sachen - das macht halt müde!
Leider wurde die gute Laune von allen am letzten Abend etwas getrübt, als plötzlich im Eifer des Gefechts die Kamera von La Paloma verschwunden ist. Mich hat am meisten beeindruckt, wie meine Mitarbeiter in diesem Moment mit der heiklen Situation umgegangen sind. Keiner ist böse, panisch oder laut geworden, sondern es wurde ganz ruhig und sachlich erklärt, was passiert war und das man nun gemeinsam die Kamera suchen müsste. Als sie auch nach einer zweistündigen Suchaktion, bei der das ganze Gelände auf den Kopf gestellt wurde, nicht aufgetaucht ist, herrschte allgemein eine verärgerte, traurige Stimmung. Es wurde von seiten der Mitarbeiter an das Gewissen der Kinder und Jugendlichen appelliert, dass, falls einer die Kamera haben sollte, er sie doch bitte auf irgendeinem Wege zurück geben sollte, da die Kamera das Eigentum aller sei und man somit alle sowohl um die Kamera als auch um den ideellen Wert der Fotos bestohlen hätte. Leider ist die Kamera bis jetzt noch nicht wieder aufgetaucht... es bleibt zu hoffen!
Totz dieses unschönen Ereignisses am Ende, war es jedoch ein tolles, lebendiges Campamento, das wir gemeinsam am Meer verbringen durften und das hoffentlich einen guten Start in ein weiteres Jahr La Paloma bringt!

Ein weiteres Highlight der letzten Wochen war außerdem das Konzert von Coldplay im großen Riverplate-Fußballstadion !! Echt irre !! Eins der besten Konzerte, die ich bisher besucht habe! Obwohl ich vorher gar nicht so ein goßer Coldplayfan war, muss ich sagen, dass mich das Konzert echt beeindruckt hat. Wir standen ganz weit vorne, sodass die wirklich ziemlich krasse Bühnenshow direkt auf uns eingewirkt hat. Das war echt n cooler Abend !! Und schon steht das nächste Konzert auf dem Programm: Nächste Woche geht's zu Nelly Furtado. Ich sag ja: Konzerttechnisch nehm' ich alles mit, was geht! In Deutschland sind die Karten wieder drei mal so teuer...

Tjaaa, und dann war da natürlich noch der Besuch meiner absolut coolen, abenteuerlustigen Omas, die sich zusammen in den Flieger gesetzt haben, um die gemeinsame Enkelin für drei Wochen in Buenos Aires besuchen zu kommen. Das war eine ganz tolle Zeit !! Die beiden haben sich die Standardsachen von Buenos Aires angeguckt, waren unglaublich (!) viel shoppen und haben sich auch noch die Wasserfälle in Iguazú angesehen. Einer der tollsten Tage war für mich definitiv der Besuch meiner Omas in La Paloma. Für mich war es irre zu sehen, wie höflich und zuvorkommend sich meine Rabauken benehmen können, wenn sie wollen. Fast schon wohlerzogen ;) Außerdem kam es natürlich auch gut an, dass die Omas von Merle tonnenweise Gummibärchen und vor allen Dingen Kinderschokolade aus Deutschland mitgebracht haben.
Weitere Highlights waren die Abende bei uns in der Wohnung, an denen meine Omas schön herzhaft für die WG gekocht haben. So haben sie sich mit Gulasch und Gemüseeintopf ganz einfach in die Herzen meiner Mitbewohner geschlichen ;-)
Irgendwie neigten die beiden Damen allerdings dazu, alles zu ersetzen, was ihnen kaputt oder alt vorkam. So gab es - schwupps - einen neuen Fußball für La Paloma und beim armseligen Anblick unserer Blechpfanne neues Teflon (!) -Kochgeschirr für die WG. Echt cool !!
Am besten guckt man sich einfch die Fotos an, die geben einen guten Eindruck von dem Besuch meiner absolut mutigen, fitten Omas!
Auf jeden Fall war es toll, Besuch von zu Hause zu bekommen, alles zeigen zu können und wieder ein bisschen Familie zu spüren. Und zum Glück, geht das mit den tollen Besuchen aus der Heimat gleich weiter, denn in zwei Wochen kommen schon meine lieben Eltern in die Stadt der guten Lüfte - juppiiiie !!
Aber bis dahin, muss ich jetzt erst mal wieder ein bisschen arbeiten, putzen und auf Konzerte gehen.
Macht's gut, lasst euch nicht zu sehr vom grauen Schmuddelwetter die Laune verderben.

Sonnige Grüße aus der Hängematte im Patio sendet euch
Merle


PS: ach ja, eine Neuigkeit habe ich noch: Gestern haben mein Mitbewohner und ich n absolut cooles, retromäßiges Sofa für unsere WG besorgt, so n altes zwei Personen - Sofa mit olivgrünem Lederbezug. Haben wir beim Sperrmüll auf der Straße gefunden :)

Mittwoch, 10. März 2010

Morgen geht's für n paar Tage auf's Campamento nach Mar de Ajó... und sobald ich wieder da bin und ein bisschen Ruhe und Zeit finde, gibt's auch wieder was neues zu lesen. Versprochen! (zB über meinen ersten tollen Besuch aus der Heimat ;)
Hasta luego Queridos!