Samstag, 26. Juni 2010

Ein Jahr Freiwilligendienst

Auf dem Abschlussseminar haben wir Voluntäre der IERP die besten Fotos aus unserem Jahr ausgetauscht. Einerseits um Bilder für einen Kalender auszusuchen, andererseits um auch einfach so zu zeigen, was wir in dem Jahr gemacht haben. Hier zeige ich euch nun die schönsten und stärksten Fotos aus einem Jahr Freiwilligenarbeit in allen Bereichen. Die Bilder sind wie ich finde sehr schön und geben einen guten und repräsentativen Einblick in Land, Leute und Kultur... SO sieht es hier aus, am Rio de la Plata!
Danke an alle Freiwilligen, die die Fotos gemacht haben.


Casa San Pablo, Großraum Buenos Aires

Casa San Pablo, Großraum Buenos Aires

Lagerfeuer, Uruguay

Gitarrenspieler, Florencio Varela (Großraum Buenos Aires)

Altenheim in Allen (Süden Argentiniens)

Obdachloser in Uruguay

Junge im Maisfeld, Baradero (nördlich von Buenos Aires)

Viehherde in Baradero, nördlich von Buenos Aires

El Sembrador, Ezeiza, Großraum Buenos Aires

Freiwilligenarbeit:Laura beim Kinderschminken, Angelleli (Florencio Varela, Großraum Buenos Aires)

Demonstration, Tucúman, Argentinien

Mate trinken, Barrio Borro (Montevideo, Uruguay)

Mädels von Arcángel Gabriel auf einer Feria beim Klamotten verkaufen, Buenos Aires

Urdinarhain, Argentinien

Junge mit Carro in der Villa Itatí, Großraum Buenos Aires

Villa Itatí, Schaukeln über'm Müll

Zwei Mädchen der Villa Itatí, Großraum Buenos Aires

Paraguay, das Land der roten Erde

Kinder in Paraguay

Chipa-Verkäufer (Hohenau, Südparaguay)

Hohenau, Familie vor neuem Haus (Süden Paraguays)

Fiesta Fiesta Fiesta

Meine Zeit hier geht zu Ende... Die letzten vier Wochen sind angebrochen. Irre, wie schnell das ging...
In den letzten Wochen ist wieder wahnsinnig viel passiert und dadurch, dass man das Gefühl hat, die Zeit rinne einem durch die Finger, erlebt man alle Ereignisse irgendwie noch intensiver, als sie sowieso schon sind. Nun denn: Die vergangenen Wochen waren sehr feierintensiv. Angefangen bei der WM:
Da wir in unserer WG keinen Fernseher haben, müssen wir wohl oder übel immer in unsere Lieblingskneipen hier in Flores gehen, um die Spiele zu gucken. Eines Morgens war ich dann also um 8.30 Uhr mit meinem Mitbewohner Simon in 'ner Pizzeria, um das Argentinenspiel gegen Südkorea zu sehen. Es war krass mitzuerleben, wie der ganze Laden bei jeder noch so kleinsten Torchance der Argentinier auf den Beinen stand... und wenn dann ein Tor gefallen war, sah man, wie die Leute auf den Stühlen und Tischen standen, wildfremde Männer lagen sich jubelnd in den Armen und weinten vor Freude - ein Schauspiel! Naja, am Ende gewann Argentinien dann 4:1. Ein anderes kurzes Beispiel zur Fußball-Euphorie der Argentinier: Nachdem die Argentinier das erste Vorrundenspiel 1:0 gegen Nigeria gewonnen hatten, gab es am nächsten Tag in der "La Naciòn" (größte argentinische Tageszeitung, in etwa vergleichbar mit der FAZ oder der ZEIT) einen 18 (!)-seitigen Sportteil, in dem auf 14 Seiten über das überragende Spiel, den großartigen Fußballgott Maradonna und ein Zitat des absoluten Weltklassespielers Messi berichtet wurde. Wenn's um Fußball geht, haben die Argentinier echt 'n Schuss !! Da nimmt der sowieso schon große Nationalstolz noch mal ganz andere Dimensionen an... Wir sind mal gespannt, wie die beiden Spiele morgen aussehen... Sollte Deutschland im Viertelfinale wirklich auf Argentinien treffen, dann "Gnade uns Gott!"

Des Weiteren haben wir letzten Samstag den Geburtstag von Simon gefeiert, was gleichzeitig auch so ein bisschen die letzte große Party war, die wir als WG in unseren vier Wänden geschmissen haben. Geladen war ein buntes Publikum an Voluntären, Kollegen aus den Projekten, Nachbarn und sonstigen Freunden, es quetschten sich gefühlte hndert Leute in unsere vielleicht 70m²-Wohnung. Es wurde ein denkwürdiger Abend mit vielen gemischten Leuten, gemischter Musik, Chili con Carne und viel Alkohol! Als ich am nächsten Morgen aufgewacht bin, dachte ich echt ich wäre im falschen Film!!! Ich habe unsere Wohnung noch NIE so dreckig gesehen, der Boden klebte vor Schmutz, auf unserem Wohnzimmerfußboden schwamm eine riesige Bierpfütze, es roch wie in 'ner Kneipe und in unserem Badezimmer ist der Spülkasten kaputt gegangen, sodass alles unter Wasser stand. Zu allem Überfluss klingelte in diesem Moment (um 11 Uhr morgens!) auch noch unsere ältere, etwas spießige Nachbarin von oben und bat mich darum, dass wir doch bitte den Hausflur wischen sollten, der ja nun sehr schmutzig wäre. Außerdem sei sie sehr müde, da sie gerade von der Beerdigung ihrer Mutter käme und am Abend vorher ja wegen der lauten Musik nicht richtig hatte schlafen können... Ich war in diesem Moment einfach so peinlich berührt und mir tat es für die arme Frau soooo entsetzlich leid, dass ich mich tausendmal auf noch-halb-verschlafenem, gestammeltem Spanisch bei ihr entschuldigte und versprach, den Hausflur zu putzen. Zum Glück hatten wir ein paar Übernachtungsgäste, die uns danach trotz heftigster Katerstimmung beim Aufräumen und putzen der Wohnung halfen. Insegsamt verwendeten wir einen kompletten 5 Liter-Kanister chlorhaltiges Putzmittel, um den Boden (und den Hausflur!) zu wischen... Starker Abend (und noch stärkerer Morgen) war das!

Einen Tag später fuhren wir dann alle zusammen auf das Abschlussseminar der IERP nach Baradero. Dort trafen dann das erste mal seit dem Anfangsseminar ALLE 41 Voluntäre aufeinander. Es war sehr schön, alle wiederzusehen und zu gucken, wie sich die anderen in dem Jahr entwickelt haben. Insgesamt verlebten wir fünf tolle, intensive Tage miteinander, die geprägt waren von Fußball gucken, reden, Erfahrungen austauschen, Reflexion und Vorbereitung auf die ersten Schritte in Deutschland. Und obwohl man sich natürlich auch so schon viele Gedanken über den Abschied und die Rückkehr macht, war es trotzdem gut, sich im Rahmen der Seminararbeit darüber klar zu werden, was einen erwartet. Insgesamt habe ich das Gefühl, auf dem Seminar meine Gedanken und Gefühle diesbezüglich etwas sortiert zu haben. Besonders hinsichtlich der Freundschaften, Erfahrungen und Ansichten, die ich in dem Jahr gewonnen habe und die ich mit nach Deutschland nehmen will. Am letzten Abend wurde dann (mal wieder) ordentlich gefeiert. Abschiedsgeschenke wurden überreicht, ein bisschen Impro-Theater gespielt, getanzt und Glühwein in Massen getrunken. Am nächsten Morgen sind dann alle für die letzte Etappe in ihre jeweiligen Projekte zurückgefahren, um die letzten Wochen noch mal voll und ganz zu nutzen.

Fotos von den ganzen Festivitäten gibt's natürlich wieder im neuen Album zu sehen.
un abrazo
eure Merle

Samstag, 12. Juni 2010

Stromausfall und sonstige Dinge

Hola amigos !!
In letzter Zeit sind wieder einige lustige Dinge passiert, angefangen bei dem Stromausfall, den wir letzte Woche hatten. Am vergangenen Donnerstag ist leider der Hauptstromgenerator für komplett Flores (mein Viertel), Floresta und Caballito ausgefallen. Ich stieg also um 18 Uhr aus dem Bus und stand auf einer nahezu ausgestorbenen Rivadavia, die Hauptstraße auf der man sich normalerweise vor lauter Verkehr und Menschen nicht rühren kann. Das war schon mal 'n gruseliges Gefühl, da es auch langsam anfing, dunkel zu werden. Ich ging dann noch bei mir im Cuadra ein paar Sachen einkaufen. In der Bäckerei wurde das Brot bei Kerzenschein verkauft, unser Gemüsehändler, der sonst immer bis 22 Uhr geöffnet ist, hatte schon geschlossen und in der Fiambreria ('ne Art Käse- und Wurstladen) wurde mir geraten, mich nicht alleine auf der Straße rumzutreiben, sondern möglichst schnell nach Hause zu gehen. Man hatte wirklich das Gefühl, sich in einer Geisterstadt zu bewegen... In den Restaurants wurden die Tische mit Kerzen beleuchtet und an den Supermärkten klebten schon Schilder an den Fenstern mit "Kerzen ausverkauft". Während ich also den stromlosen Abend dazu genutzt habe, im Licht meiner grandiosen, batteriebetriebenen Kopflampe (für die ich nebenbei bemerkt IMMER ausgelacht wurde!) Apfelkuchen gebacken habe, nutzte mein Mitbewohner Simon die Gunst der Stunde und verschönerte die ausgestorbenen Straßen mit seinen "Wandkunstwerken".
Nach 24 stromlosen Stunden wurde dann irgendwann der Hauptstromgenerator repariert, mit dem Erfolg, dass mitten in der Nacht (ca. um 3 Uhr morgens) plötzlich Festbeleuchtung in unserer Wohnung herrschte. Tja, nun haben wir wieder Strom, dafür funktioniert unser Internet seit drei Tagen nicht mehr... So ist das Leben. Am Dienstag soll ein Techniker von der Telefongesellschaft kommen und das Internet reparieren. Mal gucken, ob der wirklich kommt - wir sind gespannt...
Außerdem hatte ich letzte Woche meinen voraussichtlich letzten Chorauftritt mit dem Chor der ökonomischen Fakultät der Universität Buenos Aires, in dem ich seit Oktober letzten Jahres mitsinge. Es war ein Konzert in dem wirklich sehr prächtig gestalteten Hauptsaal der "Casa de la Cultura". Ich hatte sogar ein bisschen Publikum, das endlich einmal Fotos vom Chor machen konnte, da drei befreundete Voluntärinnen zum zugucken gekommen sind. Das war schön! Hinterher haben wir dann noch ein großes, original schwäbisches Spätzleessen bei uns in der WG veranstaltet... wirklich köstlich!
Des Weiteren haben wir neulich das Geburtstagsgeschenk einer Freundin eingelöst und sind mit 'ner Gruppe Mädels in die Oper gegangen. Gegeben wurde Puccinis "Mme Butterfly", eine wunderbar dramatische, herzzerreißende Liebesgeschichte auf italienisch. Und mal wieder habeich die Erkenntnis gewonnen: Weniger ins Kino, dafür mehr in die Oper und ins Theater gehen!
La Paloma läuft nach wie vor großartig! Seit zwei Wochen habe ich einen neuen Kollegen, mit dem ich zusammen die Gruppe der mittleren Kinder leite. Die Zusammenarbeit läuft echt super, die Aktivitäten sind viel organisierter und durchdachter, als in der Arbeit mit meinem alten Kollegen. Izwischen hat auch die WM Einzug in La Paloma erhalten. Ich habe letzte Woche einen riesigen Spielplan mit tausenden kleinen Fähnchen gebastelt, der nun im Comedor (so nennt sich der große Speisesaal) hängt und für ordentlich Gesprächsstoff sorgt. Doch ich merke schon jetzt, dass bei den Argentiniern die Freundschaft beim Thema Fußball echt aufhört. Gestern meinte ich zu einigen Jungs: "Hey, wenn ich morgen Argentinien anfeuere, dann müsst ihr am Sonntag auch für Deutschland die Daumen drücken." Daraufhin wurden mir Sätze entgegen geschleudert wie "Näää, nicht für die Deutschen! Die Deutschen können sowieso nicht vernünftig Fußball spielen!" Mein Kollege und ich nehmen die WM jetzt auch als Anlass, um mit den Kindern ein bisschen zu den verschiedenen Ländern zu arbeiten. Wir werden ganz banale Dinge behandeln: Wo liegt eigentlich Südarfika? Wie sehen die Leute da aus? Ist das 'n armes oder 'n reiches Land? usw... Auf diese Themeneinheiten freue ich mich schon sehr.
Gestern kam meine schwangere Kollegin, deren Baby "Joaquin" heißen wird, und meinte ganz aufgeregt zu mir: "Merle, Merle, mein Mann hat mir erzählt, dass der Trainer der deutschen Nationalmannschaft auch Joaquin mit Vornamen heißt!" Es dauerte eine Weile, bis ich verstanden habe, dass sie von JOACHIM Löw redete und ich ihr daraufhin das Missverständnis erklären konnte ;-)
Ach ja, mittlerweile sind die Wochen echt gezählt und man versucht, noch so viele Sachen zu erledigen, zu sehen, zu machen, zu kaufen wie möglich. Und ich merke schon jetzt, dass ich nicht alles schaffen werde, was ich mir vorgenommen habe. Tja, sieht wohl so aus, als müsste ich noch mal wieder nach Argentinien kommen.
Jetzt verbringe ich allerdings gerade den verregneten Samstagnachmittag damit, mit meinem Laptop in meiner Lieblingskneipe zu sitzen, Cappuchino zu trinken und einwandfrei funktionierendes WLan zu genießen. Demzufolge könnt ihr übrigens auch wieder neue Fotos und vor allen Dingen zwei kleine Videos bewundern, die kleine Ausschnitte unseres WG-Lebens zeigen.
Liebe Grüße ins hoffentlich wärmere Deutschland,
eure Merle

Mittwoch, 26. Mai 2010

Bicentenario und Córdoba

Vergangenes Wochenende war es endlich soweit:
Argentinien wurde 200 Jahre alt!
Anlässlich dieses hohen Geburtstages haben die Argentinier einfach mal zwei ganze Werktage, nämlich Montag und Dienstag zu Feiertagen erklärt. Während dieses langen Wochenendes befand sich die Stadt natürlich im Ausnahmezustand. Die 9 de Julio, eine der Hauptverkehrsstraßen im Zentrum, war für komplette vier Tage gesperrt und in eine riesige Volksfest-Meile verwandelt. Überall waren riesige Bühnen aufgebaut, es gab Festumzüge, Militärparaden und allerlei Aktionsstände zu den einzelnen Provinzen des Landes. Insgesamt hat mich die Atmosphäre und das Erscheinungsbild dieses Volksfestes sehr an die Kieler Woche erinnert, nur 'n paar Nummern größer.
Da dieses ganze Thema "Bicentenario" in diesem Jahr natürlich sämtliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens hier in Argentinien dominiert, haben wir auch mit den Kindern in La Paloma zu dem Thema gearbeitet. An einem Tag haben die Kinder sich zum Beispiel im Stil des 19.Jahrhunderts verkleidet. Außerdem haben wir spielerisch mit ihnen erarbeitet, wie die Menschen damals in Argentinien wohl gelebt haben, welche Brufe es damals gab, welche Fortbewegungsmittel, welche Bräuche und welche Gerichte. Natürlich wurde auch behandelt, wie sich die Argentinier im Jahr 1810 ihre Unabhängigkeit von den Spaniern erkämpft haben.
Letzten Freitag wurden dann alle Kinder mit ihren Familien nach La Paloma eingeladen, um gemeinsam das Bicentenario zu feiern. Es wurde gegrillt, köstliches Choripan (scharfe, dicke Wurst im Brötchen) gegessen und gespielt. Außerdem haben sich auch die Familien mit Kleidern der Jahrhundertwende verkleidet und Fotos von sich machen lassen. Insgesamt sind diese Tage, an denen wir Familienfeste in La Paloma ausrichten, immer wahnsinnig wuselig, chaotisch und anstrengend, aber trotzdem auch irgendwie schön und vor allen Dingen familiär. Man merkt oft, wie aufgeregt die Kinder sind, dass ihre Mütter und Geschwister mitbringen dürfen, wie sie mit ihren kleinen Geschwistern auf dem Arm ganz stolz durch La Paloma rennen. Und auch für die Mütter sind diese Veranstaltungen absolute Highlights im täglichen, langweiligen Barrioleben, sie genießen es am Rand gemeinsam Mate zu trinken, Fleisch (!) zu essen und mal selbst von dem Programm, das wir organisieren unterhalten zu werden...
Nachdem ich also Freitag mit dem Familienfest in La Paloma beschäftigt gewesen bin und mir am Samstag das Spektakel in der Innenstadt angeschaut habe, hab ich mich für die verbleibenden drei freien Tage mit einem Schwung anderer Voluntärinnen auf nach Córdoba gemacht. Córdoba ist nach Buenos Aires die zweitgrößte Stadt Argentiniens und liegt 10 Stunden Busfahrt entfernt mitten in den Bergen. Dieser 3-tägige Trip raus aus dem Gewusel der Großstadt hat echt Spaß gemacht, außerdem versuche ich jetzt in meiner letzten Zeit jede Gelegenheit zu nutzen, um noch ein bisschen mehr vom Land kennenzulernen. Nachdem wir also am ersten Tag unser Hostel bezogen hatten, machten wir uns auf richtung Stadtzentrum, wo wir zufällig auf Plakate der Ausstellung "Körperwelten" stießen. So eine einmalige Gelegenheit diese weltweit bekannte und diskutierte Ausstellung zu sehen, ließen wir uns natürlich nicht nehmen. Mir hat sie eigentlich ziemlich gut gefallen. Natürlich sind die dort ausgestellten toten Körper jetzt nicht wahnsinnig schön oder ästhetisch, dafür allerdings sehr interessant anzusehen. Man lernt viel über die menschliche Anatomie, Krankeitsbilder, Organschäden usw.
Den zweiten Tag verbrachten wir dann mit einem Ausflug in das etwas außerhalb gelegene Bergdörfchen Alta Gracia, um das dortige Che Guevara-Museum zu besuchen. In dem alten Wohnhaus seiner Familie, wo er den Großteil seiner Kindheit verbrachte, ist eben heute ein Museum, in dem lauter Fotos, Gegenstände und Gemälde zum Leben und Wirken des Revolutionärs ausgestellt werden. Auch diese Ausstellung hat mir wirklich gut gefallen, da man als Besucher einfach nur durch das kleine, idyllische Landhäuschen schlendert, sich die Exponate mehr zufällig ansieht und daher gar nicht unbedingt das Gefühl hat, in einem Museum zu sein. Außerdem wurde dadurch, dass man primär Dinge über die Kindheit und Jugend von ihm informiert wird, das heroische Bild des Revolutionärs und der weltweit herrschende Che Guevara-Kult etwas relativiert, fand ich.
Da zwei Mädels von uns unbedingt die Gelegenheit der für's Reiten bekannten Berglandschaften in der Umgebung von Córdoba nutzen wollten, ließen Lisa und ich, beide eher blutige Anfängerinnen im Umgang mit Pferden, uns am letzten Tag noch dazu breitschlagen, an einem Reitausflug teilzunehmen. Nach einer Stunde hubbeliger Autofahrt durch die Berge endlich am Zielort angekommen, eröffnete unser Guide uns beim Begrüßungs-Mate-trinken, dass die Pferde mit denen er arbeitet, eigentlich alles Wildpferde sind, die frei im Campo rumlaufen, sich völlig selbst versorgen und eigentlich auch niemandem wirklich gehören. Er habe die sie allerdings natürlich schon zugeritten, sodass wir keine Angst zu haben bräuchten. Nachdem ich dann irgendwann meine erste Scheu vor den Tieren überwunden und mich mit dem mir zugeteilten Pferd angefreundet hatte, gelang es mir sogar, den Ausflug zu genießen. Dreieinhalb Stunden sind wir querfeldein durch das Gelände geritten, alles vor der malerischen Kulisse der Anden. Das war wirklich wunderschön! Am Ende bin ich sogar ein paar mal galoppiert (ohne runterzufallen!). Abgerudet wurde der Tag dann noch mit einem leckeren Asado in der letzten warmen Herbstsonne. Danach hatte ich zwar einen Sonnenstich, Muskelkater im Popo und ein viel zu großes Loch in meinem Geldbeutel, war aber auch sehr stolz und zufrieden. Wir waren auch alle so fertig hinterher, dass wir auf der Rückfahrt nachts im Bus so tief schliefen, dass wir am nächsten Morgen beinahe unsere Ankunft am Retiro verpasst hätten, wenn die Busfahrer uns nicht geweckt hätten.
Also, ham wa wieder viele, wertvolle Erfahrungen in den letzten Tagen gesammelt!
Im neuen Fotoalbum gibt's 'ne Menge abenteuerlicher Bilder zu bewundern.
In diesem Sinne: Viva Argentina!
eure Merle

Donnerstag, 20. Mai 2010

un pocito de todo :)

(von allem ein bisschen)

Lang lang ist's her, dass ich gebloggt habe. Daher wird es mal wieder Zeit, von den schönen Seiten meinen argentinischen Lebens hier zu berichten.
Mittlerweile sind meine Tage gezählt, in zwei Monaten sitze ich schon wieder im Flieger richtung Heimat. Daher versuche, die letzten Wochen hier umso intensiver zu erleben und dabei wird mir so langsam bewusst, was ich in Deutschland alles vermissen werde. Angefangen bei ganz alltäglichen Situationen auf der Straße...
Neulich war ich zum Beispiel mit einer Freundin auf der Feria in Mataderos unterwegs, als sich mir auf einmal ein kleiner, korpulenter Herr höheren Alters in den Weg stellte. Da er aus irgendeinem Grund nicht sprechen konnte, kommunizierte er in Zeichensprache. Er zeigte zuerst auf meine Augen, griff sich dann theatralisch ans Herz und täuschte einen Herzinfarkt vor... Danach gab er mir die Hand, drehte sich um und ging wieder. Ich glaube, so ein schönes Kompliment habe ich lange nicht bekommen :)
Eine andere, durchaus typische Situation unseres WG-Lebens ereignete sich vergangenes Wochenende. Als Simon zufällig eine Jeans von Jonas, die über einem Stuhl hing, hoch hob, kullerte aus Jonas' Hosentasche mein seit langem vermisster Labellolippenstift (aus Deutschland! daher so heiß begehrt) hervor... Als ich Jonas dann etwas zerknirscht, fragend anguckte, war sein Kommentar nur: "Dies ist einer der Momente, in denen man am liebsten im Boden versinken würde!"
Da eine meiner Kolleginnen für längere Zeit krank geschrieben ist, betreue ich zur Zeit die Gruppe der "Pekes", der ganz Kleinen, mit. Die Mehrheit der Kinder hat erst vor kurzem in La Paloma angefangen, sodass für sie vieles noch neu und aufregend ist. Für mich ist es super krass zu sehen, wie verschieden die Kinder der Gruppe sind. Alle sind zwischen 4 und 6 Jahren alt, kommen aber natürlich aus unterschiedlichen Familienverhältnissen. So kann zB ein 4-jähriger Junge, der schon seit einem Jahr in den Kindergarten geht und aus einer halbwegs strukturierten Familie kommt problemlos alle Farben und Tiere auseinander halten, während ein anderes Kind selben Alters, das jedoch nie in irgendeiner sozialen Einrichtung gewesen ist, einen Tiger noch als Vogel bezeichnet und auch Schwierigkeiten hat, sich den Unterschied für längere Zeit zu merken. Anhand solcher Situationen merkt man schnell, wo bei den Kindern Lücken sind und woran man mit ihnen arbeiten kann. Das macht Spaß! Außerdem sind die Kleinen einfach auch sehr sehr süß und ich merke, wie schnell sich eine Bindung zu ihnen aufbauen lässt. Klar, der Niedlichkeitsfaktor ist in dem Alter halt ziemlich hoch! Gerade mit einem 4-jährigen Mädchen, nennen wir sie Moni, erlebe ich zur Zeit eine herzzerreißende Situation nach der anderen. Neulich hat sie beispielsweise beim Duschen Schaum in die Augen bekommen und fing natürlich fürchterlich an zu weinen. So stand sie ganz verzweifelt unter dem laufenden Wasser und rieb sich hilflos die Augen, wodurch das Shampoo aber nur noch tiefer ins Auge geriet. Da sie partout nicht mit sich reden ließ, hab ich irgendwann ihren Kopf in den Nacken gelegt und ihr den Schaum vom Gesicht gespült. Nachdem dann endlich alles weg war, traute sie sich aber immer noch nicht die Augen wieder aufzumachen, daher griff sie einfach blind aus der Dusche heraus, ergriff das erste Stück Stoff, dass sie zu fassen bekam und putzte sich ihre vom vielen Weinen schnodderige Nase an meinem Pullover ab. So dankt einem eine 4-jährige also die dramatische Rettung ihres Augenlichts ;-) Doch eigentlich mag ich die tägliche halbe Stunde mit den Kindern im Bad sehr gerne. Das sind immer schöne, zutrauliche Momente voller Handtuch-Kuscheleien, Strumpfhose anziehen und Schleife binden üben.
An einem anderen Tag beobachtete ich, wie die kleine Moni irgendetwas kaute, während sie gerade mit den anderen Kindern Ticker spielte. Als ich sie fragte, was sie denn da im Mund hatte, spuckte sie auf einmal ein Puzzleteil aus. Da holte ich mir die Kleine auf den Schoß und erklärte ihr, dass so etwas nicht geht. Sie wisse doch schließlich, dass man Puzzleteile nicht essen kann und dass man sich nicht einfach Dinge in den Mund steckt. Sie sei ja schließlich kein Baby mehr, außerdem fehle dem Puzzle jetzt ein Teil. Während ich so mit ihr redete, füllten sich ihre Augen mit Tränen und sie konnte mir vor lauter schlechtem Gewissen gar nicht mehr ins Gesicht gucken. Das zerriss mir in dem Moment echt fast das Herz! Ich hab sie dann in den Arm genommen, ihr gesagt, dass ich nicht böse auf sie sei und dass sie nur aufpassen solle, nicht wieder Puzzleteile zu essen. Dann spielten wir noch 'ne Runde "Hoppe hoppe Reiter" (mittlerweile kann Moni sogar den Text auf Deutsch (!) mitsingen) und danach war alles wieder in Ordnung... Oh Gott, ich merke selbst, wie belanglos diese Geschichten im Vergleich zu meinen alten Beiträgen erscheinen, doch solche Dinge prägen nun mal irgendwie meine Zeit hier, was mir gerade in Anbetracht meiner davonlaufenden verbleibenden Wochen immer bewusster wird. Diese Momente in La Paloma möchte ich um nichts in der Welt missen!
Noch in derselben Woche, habe ich eine Kollegin zu Hause besucht. Da sie und ihr Mann gerade ihr erstes Kind erwarten, sind sie zur Zeit fleißig am Zimmer renovieren, was sie mir gerne zeigen wollte. Der Besuch in ihrem Häuschen war irgendwie beeindruckend für mich. Eine ganz süße, kleine Casita auf nur einer Etage mit insgesamt 3 Zimmern. Alles war sehr sauber und liebevoll eingerichtet... echt schön und gemütlich! Auf dem Nachhauseweg verglich ich allerdings die Wohnsituation meiner Kollegin und ihrer Familie, die ich als typische argentinische Mittelschicht bezeichnen würde, mit der Wohnsituation in der ich groß geworden bin... Wir als 4-köpfige "Mittelstandsfamilie" aus Deutschland hatten ein 4-stöckiges Reihenhaus, Garten, Auto, Fahrräder usw... Meine Kollegin hat dagegen dieses Jahr auf ihren Sommerurlaub verzichten müssen, um das vielleicht 10m² große Kinderzimmer renovieren zu können.

So, das war's für's erste. Kommendes Wochenende fahre ich für drei Tage mit ein paar Mädels nach Córdoba, die zweitgrößte Stadt Argentiniens. Danach berichte ich wieder neu.
Liebste Grüße aus dem herbstlichen Buenos Aires,
eure Merle

Dienstag, 27. April 2010

Paloma-Geschichten

Mal wieder ein paar Geschichten aus dem paloma'schen Alltag:
(Namen wie immer alle geändert)

Letzten Donnerstag ist ein 8-jähriger Junge aus mener Gruppe, der sonst eigentlich immer zu La Paloma kommt, nicht erschienen. Als ich seine große Schwester gefragt habe, wo denn ihr Bruder stecken würde, antwortete sie mir, er wäre mit seiner Mutter bei einer "Piquete". Da ich das Wort nicht kannte, fragte ich bei meinem Kollegen nach, der mir folgendes erklärte:
In den Barrios, in denen die Kinder wohnen, gibt es vielerlei politische und gesellschaftliche Organisationen, die zu klein, zu radikal und zu unprofessionell sind, um als offizielle Partei / Verein / Club / Gesellschaft eingetragen zu werden. Da sie ihrem politischen Protest aber dennoch irgendwie ausdruck verleihen wollen, rufen sie regelmäßig zur Piquete auf. Bei dieser Piquete versammeln sich dann die Leute der Organisation und sperren beispielsweise eine Straße ab, stecken Autos in Brand oder besetzen öffentliche Gebäude. Um dem Protest mehr Ausdruck zu verleihen, rufen sie im Barrio zur Unterstützung auf, allerdings mit der Ansage, wenn eine Familie zur Piquete kommt und den Aufstand unterstützt, kriegen sie dafür Geld - und je mehr Leute sie mitbringt, desto mehr Geld gibts. Tja, auch das ist für die meist armen Familien aus den Barrios eine Möglichkeit Geld zu verdienen. Nur blöd, dass die kleinen Kinder da schon mit hin müssen und folglich an dem Tag mal wieder die Schule verpassen. Des Weiteren wurde mir erzählt, dass die Organisationen für Jugendliche ab 14/15 Jahren eine andere Bezahlung für die Teilnahme an der Piquete anbieten: Wer kommt und auch ordentlich Krawall macht bekommt hinterher 50 Peso und eine Tüte Kokain. So viel zum Thema "politische Freiheit" in Argentinien - man muss sich seine Anhänger mit Geld und Drogen erkaufen...

Ein weiteres Beispiel zum Leben in den Barrios:
Vergangenen Freitag habe ich mich eine Stunde von den Kindern abgesetzt, um eine Aktivität vorzubereiten. Ich hatte Fotos von den Kindern entwickeln lassen und wollte diese mit ihnen schön bebasteln, um sie dann im Salon aufzuhängen. Da ich es ein bisschen besonders machen wollte, schrieb ich die Namen der Kinder mit Zitronensaft unter die Fotos. Kennt ihr diese Methode der "Zauberschrift"? Wenn man etwas mit Zitronensaft auf das Papier schreibt und dies dann über eine Kerze hält, erscheint das Geschriebene wie von Zauberhand auf dem Papier. Auf jeden Fall schloss ich mich mit den Fotos, einer Kerze und einer Zitrone in einem Raum ein, um die Bastelei in Ruhe vorzubereiten. Außerdem sollten die Kinder ja noch nicht sehen, was wir später machen werden. Dies bekam der 11-jährige Fernando mit. Er wurde neugierig, was ich dort wohl in dem Raum machen würde und hämmerte wie wild an die Tür. Nachdem er mich lange genug genervt hatte, öffnete ich die Tür, um ihm zu sagen, dass er nun bitte verschwinden sollte. Doch kaum war die Tür offen, stüzte Fernando herein. Als er sah, was ich ausgebreitet hatte, fegte er alles mit einem Wisch vom Tisch. Ich dachte ich guck nicht richtig !! In so einem Moment an sich zu halten, Ruhe zu bewahren und das Kind nicht einfach laut zu beschimpfen, ist echt schwierig sag ich euch... Auf jeden Fall bin ich böse geworden und hab Fernando rausgeschmissen, allerdings mit der Ansage, dass wir darüber später noch reden werden. Kurze Zeit später, nachdem ich wieder alles aufgeäumt und den Salon aufgeschlossen hatte, kam er wieder. Er nahm sich Palstikchips aus einem Spielkarton und fing ohne Grund an, mich mit diesen Chips zu bewerfen... Ich weiß zwar, dass der Junge aus einer schwierigen Familie kommt, Drogen konsumiert und eben gerne provoziert und ärgert, um seinem Frust Luft zu machen, aber das wir mir in dem Moment zu viel. Ich rief meine Kollegin zur Hilfe, die das Geschehen an dem Tag miterlebt hatte und Fernando eine ordentliche Standpauke hielt. Muss auch mal sein... Später erfuhr ich jedoch etwas von meiner Kollegin, was mich die ganze Situation besser verstehen lässt:
In den Barrios gibt es neben den politischen Organisationen seit neustem auch religiöse Gemeinschaften. Diese Gemeinschaften sind zwar an die katholische Kirche angelehnt, haben aber eine weitaus spirituellere Ideologie. Sie laden regelmäßig zu Gottesdiensten und Kulto-Sitzungen ein, bei denen dann in einer etwas ominösen Art und Weise gebetet wird... Eben auch mit Kerzen, Räucherstäbchen, Wodoo und dem ganzen Kram. Ich will diese religiösen Verbände jetzt nicht direkt als Sekten betiteln, aber so ein bisschen fanatistisch, skurril ist die Sache schon. Bei den Zuständen, die im Barrio herrschen (Perspektivlosigkeit, Armut, Gewalt, Drogen, Langeweile...) ist es auch kein Wunder, dass die Menschen sich von solchen religiösen Treffen mitreißen lassen. Dort finden sie Trost, Zusammenhalt und immerhin irgendeine Beschäftigung...
Viele Mütter deren Kinder zu La Paloma kommen, nehmen an solchen Gebetsstunden teil, so auch die Mutter von Fernando. Allerdings merkt Fernando, dass das irgendwie komisch ist und dass seine Mutter sich ein bisschen verändert. Naja, und als er mich an diesem Tag sah, wie ich mich mit einer Kerze und den Fotos in einem Raum einschloss, dachte er im ersten Moment, ich würde da drinnen irgendeinen Hokuspokus veranstalten und die Kinder verfluchen. Nachdem ich und meine Kollegin dieses Missverständnis aus der Welt geschafft hatten, war er auch bereit, sich bei mir zu entschuldigen. Natürlich ist all das keine Entschuldigung dafür, wie respektlos er sich mit gegenüber verhalten hat, aber es macht die ganze Sache etwas leichter nachvollziehbar...

La Paloma selbst liegt am äußeren Rand eines Barrios in San Justo. Ein großes Problem dort sind die vielen freilaufenden Hunde, die keinen Besitzer haben, sich auf der Straße rumtreiben und nicht selten Tollwut haben. Neulich wurde ein 6-jähriger Junge auf dem Weg zu La Paloma von einem Hund in die Schulter gebissen. Da die Kinder hier meistens nicht gegen Taetanus geimpft sind, haben wir sicherheitshalber den Notarzt gerufen, damit die Wunde professionell gereinigt wird. Als wir die Besitzer des Hundes (der besagte Hund war nämlich nicht herrenlos), die im Barrio wohnen, baten, die Kosten für den Notarzt zu übernehmen, meinten sie nur, dass sie dafür kein Geld hätten und warum wir die Kinder überhaupt auch so alleine, mitten auf der Straße herumlaufen lassen würden... Damit war das Thema dann für die Leute erledigt. Noch hat meine Chefin nicht entschieden, ob sie anwaltlich gegen die Leute vorgehen will oder nicht. Insgesamt geht es ihr weniger um die Arztkosten, als darum, dass die beiden Hunde der Leute angeleint werden, da neulich schon mal der Postbote attackiert wurde.

Dann ist noch etwas sehr Hässliches letzte Woche passiert... Dazu vorab folgende Erklärung: Der 9-jährige Rodrigo ist 'n kluges Kerlchen, ist normal entwickelt und macht allgemein keine großen Schwierigkeiten. Er geht morgens von 8 bis 12 in die Schule und verbringt den Nachmittag dann in La Paloma. Seit Beginn dieses Schuljahres muss er zusätzlich seinen Brüdern bei der Arbeit helfen, um Geld für die Familie zu verdienen. Daher zieht er um 17 Uhr, wenn La Paloma zu ende ist, noch bis 21 Uhr mit dem Karren los und sammelt Papier, Pappe und sonstige wieder verwertbare Dinge. Darin besteht übrigens die einzige Arbeit vieler armer Leute: Sie ziehen abends mit ihrem „Carro“ durch die Straßen und suchen im Abfall, den die Leute auf die Straße gestellt haben, nach nützlichen Dingen, die sie dann an extra dafür angelegte Sammelstellen verkaufen. Wenn Rodrigo und seine Brüder abends nicht genug Geld nach Hause bringen, kriegen sie Ärger von ihrem Vater. Dies war letzte Woche der Fall. Hinzu kam, dass Rodrigo an dem Tag auch noch eine Notiz von seiner Lehrerin in der Schulmappe hatte, dass er in letzter Zeit öfter keine Hausaufgaben gehabt hätte. (Klar, wann soll der Junge denn noch Hausaufgaben machen, wenn er 14 Stunden am Tag unterwegs ist und arbeitet ?!) Als der alkoholabhängige Vater davon Wind bekam, schlug er Rodrigo so grün und blau, dass er am nächsten Tag nicht an unserem geplanten Theaterausflug teilnehmen durfte, weil er Wunden im Gesicht und am Rücken hatte und sich nicht mehr richtig bewegen konnte. Den Rest der Woche ging er weder zur Schule noch zu La Paloma. Mich hat die Geschichte an dem Tag sehr mitgenommen, ich hatte eine unglaubliche Wut auf den Vater! Wie kann man seinem Kind so etwas antun???? Wie kann man sein Kind so misshandeln, ihm so einen besonderen Tag kaputt machen? Wie kann man dem Kind und der ganzen Familie ein solches Trauma bereiten?

Doch es gibt auch schöne, problemfreie Tage in La Paloma, so wie heute zum Beispiel: Heute haben wir Rodrigos 10.Geburtstag nachgefeiert. Er bekam ein Paar neue Adidas-Turnschuhe und eine Trainingsjacke vom TSV Russee (beides Sachen, die Freunde meiner Eltern gespendet hatten). Als er die Sachen während der Merienda im großen Comedor auspackte, rief er "Uhhhhh, re piola!" (also so viel wie: "wie geil!") und zum Glück passten die Sachen auch wie angegossen.
Außerdem war heute ein Mädchen von unseren Jugendlichen mit ihrem 3-monate alten Baby zu Besuch in La Paloma... Während die 17 Jahre junge Mama endlich mal wieder Zeit mit ihren Freunden verbringen konnte, hab ich mich um die Kleine gekümmert. Irgendwann ist sie dann auf meinem Arm eingeschlafen und hat vor sich hingeträumt. Ach Mensch, so Babys haben schon was... so süß und friedlich! Aber keine Angst: Ich kann mir meine Muttergefühle noch für später aufheben ;-)

Das war mal wieder ein kurzer Einblick in das, was ich in La Paloma so erlebe und wie ich daraus lerne.
Des Weiteren habe ich meinen dritten Zwischenbericht online gestellt (siehe rechte Spalte), in dem ich noch mehr über derlei Dinge berichte.
Ich hoffe euch geht's gut. Hasta luego muchachos!

Donnerstag, 15. April 2010

"Ich bin ein Buenos Airisser!"

Vor drei Wochen war es endlich so weit:
Am Abend des 29. März stand ich ganz aufgeregt am Flughafen und habe eine gefühlte Ewigkeit auf meine lieben Eltern gewartet. Nach über einer Stunde Wartezeit kamen sie dann auch endlich aus der Absperrung und die Wiedersehensfreude war groß. Zwar kamen meine Eltern gut an, doch leider gingen auf dem Flug drei der insgesamt vier Gepäckstücke verloren. Uns wurde versprochen, dass die Koffer innerhalb der nächsten zwei Tage ins Hotel geliefert werden würden. Zu dem Zeitpunkt ahnten wir noch nicht, welch eine Odyssee uns bevorstand, denn natürlich tauchten das Gepäck nicht auf - nicht am ersten, nicht am zweiten und auch nicht am dritten Tag. Dementsprechend rief ich vier Vormittage in Folge bei der Fluggesellschaft an, packte mit steigender Wut mein komplettes Vokabular an spanischen Schimpfwörtern aus und meckerte mich so lange durch die gesamte Callcenterabteilung, bis ich am letzten Tag schlussendlich den Abteilungsleiter an der Strippe hatte. Und siehe da: Nachdem ich mich auch bei diesem "netten" Herren über die Inkompetenz seines chaotischen Saftladens ausgelassen hatte, standen am nächsten Morgen (zwar vier Tage zu spät, aber immerhin!) die Koffer meiner Eltern in der Tür. Dieses Gezeter mit dem fehlenden Gepäck brachte also einen etwas nervigen, unschönen Start mit sich, aber nichtsdestotrotz begannen wir die gemeinsame Zeit zu nutzen. So machten wir zum Beispiel gleich am ersten Nachmittag eine Stadtrundfahrt durch die Innenstadt und zu den Sehenswürdigkeiten von Buenos Aires. Auf dieser Stadtrundfahrt prägte Papa außerdem den Satz "Ich bin ein Buenos Airisser!", als er ganz stolz die Route des Busses auf einem Stadtplan mitverfolgen konnte, woraufhin ich mir dann den Rest der Woche erklären lassen durfte, wo die jeweils gesuchte Straße sei und das ich mich ja überhaupt nicht auskennen würde ;-)
Des Weiteren besichtigten Mama und Papa natürlich auch unsere WG, die meine Mutter spontan als "n bisschen ranzig, aber sympatisch" betietelte. Ich vermute, dass sie sich etwas an ihre Studentenbude erinnert fühlte...
Und dann kam der Tag, an dem ich meine Eltern mit nach La Paloma genommen habe. Dort angekommen, haben wir erst mal gemeinsam mit meinen Kollegen das ganze Charity-Gepäck ausgepackt. Viele Freunde aus Deutschland haben alte Fußballsachen, Kleidung, Spiele, Puzzle und Tuschkästen gespendet, sodass insgesamt zwei riesige Koffer voller toller Dinge zusammengekommen sind. Vielen Dank noch mal an dieser Stelle !!! Alle haben sich wahnsinnig über die Sachen gefreut. Die Fußballsachen werden für besondere Anlässe, wie zum Beispiel Geburtstage, aufgehoben und die Spiele und Puzzle sind sofort in den täglichen Gebrauch übernommen worden. Ganz La Paloma ist jetzt am Ausprobieren der neuen Spiele und ich bin ständig damit beschäftigt, die deutschen Spielanleitungen zu übersetzen und zu erklären. Es war toll, meine Eltern mal mit ins Projekt zu nehmen, ihnen alles zu zeigen und einen Eindruck davon zu vermitteln, worin meine tägliche Arbeit besteht. Außerdem waren die Kinder und meine Kollegen natürlich auch ganz gespannt, meine Familie kennenzulernen. Die Kinder zeigten sich besonders von der Größe meiner Eltern beeindruckt. Hinterher flüsterte ein 6-jähriger Junge mir zu "Merle, dein Papa ist ja 3x so groß wie ich. Stößt der sich nicht den Kopf an der Tür?"
Ansonsten verbrachten wir die Zeit mit den typischen Buenos-Aires-Aktivitäten: Wir waren shoppen, haben eine Tangoshow besucht, waren im Boca Juniors-Stadion und haben ein Fußballspiel gegen Rosario gesehen (leider hat Boca 1:2 verloren), sind essen gegangen, haben einen Tagesausflug nach Tigre gemacht und waren sogar ein mal in der Oper, wo wir die Premiere des "Fidelio" gesehen haben.
In der letzten Woche ging es dann noch mal für drei Tage nach Iguazu, wo wir dank meines Mitbewohners, der ein paar Tage zuvor auch mit seiner Familie nach Iguazu geflogen war, den Kontak zu einem Fahrer vermittelt bekamen, den wir dann für die Dauer unseres Aufenthaltes quasi als unseren Privatchaufeur engagierten. Der gute Mann hat uns durch die Gegend gefahren, uns Restauranttipps gegeben und sogar eine Tagestour mit uns gemacht, sodass wir Paraguay, Brasilien und Argentinien an einem Tag bereisen konnten. Highlight des Trips waren natürlich wieder die riiiiiiiiiiiesigen, wunderschönen Wasserfälle !!
Tja, und dann neigte sich der Besuch meiner Eltern auch schon dem Ende zu und sie flogen zurück nach Kiel, diesmal mit vollständigem Gepäck.
Es war ganz schön mal wieder ein bisschen Familie um sich zu haben und vor allen Dingen zeigen zu können, wie mein Leben hier ist!
Jetzt genieße ich noch die letzten drei Monate in der Ferne (ja, drei Monate nur noch !! Time is runnig!!) und dann freu ich mich auch schon ganz doll darauf, all die lieben Leute zu Hause wiederzusehen...