Mittwoch, 27. Januar 2010

Reisebericht: Viva la Vida !

Sooooo, seit drei Tagen bin ich wieder wohlbehalten von meiner großen Reise nach Buenos Aires zurückgekehrt. Da ich in den drei Wochen einfach zu viel erlebt und gesehen habe, als das ich es in einem langen Text beschreiben könnte, werde ich einfach in Form eines stichwortartigen Reisetagebuches von den letzten vier Wochen erzählen. Also...
4. Januar: Rio de Janeiro
- nach gutem, wenn auch anstrengendem weil vorher wenig geschlafen, Flug in Rio gelandet und zum Glück ohne Einreiseschwierigkeiten ins Land gelassen worden
- im Hostel endlich Annika getroffen und erst mal Schlachtplan für die nächsten zwei Wochen entworfen
- gemacht:
+ Pao Azucar (der Zuckerhut) : joar, ganz coole Aussicht über die Stadt, war leider n bisschen bewölkt an dem Tag
+ Christo Redentor (die berühmte Christostatue, die ihre Arme über Rio ausbreitet) : ziemlich krasser, etwas einschüchternder Eindruck, den diese wirklich riiiiiiiesige Statue vermittelt, ebenfalls tolle Aussicht über die Stadt, dieses mal mit guter Sicht
+ an der Copacabana (bedrphmtester Strand von Rio) gesessen und Kokosnusswasser getrunken. Das macht man in Brasilien an jeder Ecke: Kokosnüsse leer trinken und dann das Fleisch aufessen - sehr lecker!
+ am Strand von Ipanema gebadet
+ viel rumgelaufen, den großen See angeguckt, das Künstleriertel Santa Theresa, die Füßgängerzone usw
+ am letzten Abend in Lapa (dem Partyviertel von Rio) essen gegangen und die Sambamusik gehört, die in allen Bars und Restaurants live gespielt wird, dort ist mir mein erster brasilianischer Caipi ganz schön zu Kopf gestiegen ;)
- insgesamt hat mir Rio sehr gut gefallen, eine tolle, lebendige, farbenfrohe Stadt... die vielen Favelas (Armenviertel) im Norden der Stadt trüben das Bild vielleicht ein wenig, von der in den letzten Jahren angeblich drastisch gestiegenen Kriminalitätsrate haben wir zum Glück gar ncihts gespürt, im Gegenteil: ich hab mich die ganze Zeit eigentlich sehr sicher gefühlt!

7. Januar : Campo Grande
- Weiterfahrt nach Campo Grande, einer kleinen Stadt im Panthanalgebiet (so nennt sich der tropische Süden Brasiliens) - 22 Stunden Busfahrt: Uff !
- in Campo Grande angekommen sofort eine Tour ins Panthanal gebucht, allerdings müssen wir noch mal 4 Stunden bis zur Pousada (Hotel/Farm/Hostel) ins Grüne fahren
- jetzt wohnen wir also für drei Tage in der hübschen, kleinen Pousada Santa Clara, die sich mitten im Nichts befindet. am ersten Abend freunden wir uns gleich mit unserer international gemixten Zimmerbelegschaft an und genießen zusammen das typisch brasilianische Essen (Fleisch, Reis, Bohnen) und den Cachaca der Hausmarke
- am nächsten Morgen gehts um halb 5 los zur Safari: irre viele Krokodile !!!!!!! unglaublich viele !!!! echt unheimlich !!!! ansonsten: Tukane, Rehe, Papageien, Nasenbären, Wasserschweine usw....
- am Nachmittag: Bootstour durch den Fluss, leider hat es die ganze Zeit gegossen wie aus Eimern - Regenzeit halt!
- Highlight: Fahrt durch den Matsch während wir in quietschgelben Regenmänteln im Matschregen draußen auf der Ladefläche eines Geländejeeps stehen durften. Hat meeeega Spaß gemacht !!
- insgesamt war's echt mal ne coole Erfahrung n paar Tage auf so ner Ranch mitten in der Wildnis zu leben, die Moskitos haben uns zwar während der Zeit aufgefressen, aber damit kann man leben, außerdem haben wir dort echt ganz coole Leute kennengelernt

10. Januar : Bolivien
- Weiterfahrt nach Bolivien, zum Glück durch irgendwelche Kontakte mit der Dame Claudine (vielen Dank noch mal an dieser Stelle ;) noch rechtzeitig an Tickets für den Bus nach Santa Cruz gekommen
- von Santa Cruz aus sollte es dann eigentlich weiter in Richtung Uyuni (dort befinden sich die größten Salzwüsten der Welt) gehen
- da wir allerdings für eine Strecke von ca. 400 km fast 16 Stunden (!) gebraucht haben, da die Straßen in Bolivien einfach dermaßen unausgebaut sind und die Busse in Deutschland nciht mal mehr als Schulbusse fahren dürften, entschieden wir uns in Santa Cruz kurzfristig (nach einer durchzächten Nacht auf dem Bahnhof) unsere Route zu ändern und dementsprechend nciht nach Uyuni (wohin wir noch mal ca. anderthalb Tage gebraucht hätten) sondern schon in den Norden Argentiniens zu fahren
- so waren wir insgesamt leider nur ca. 48 Stunden in Bolivien, haben in dieser Zeit allerdings fast den ganzen Süden durchquert und so einen Eindruck vom Land bekommen: Bolivien wirkte auf mich wahnsinnig schön, überall grüne Landschaft, sehr freundliche aber gößtenteils auch sehr sehr arme Menschen
- was das Reisen in Bolivien natürlich einfach macht, ist , dass alles so grandios billig ist (für ein vollwertiges Essen mit Fleisch, Reis, Salat, Soße, Bohnen usw. zahlt man ca. 1€)
- auf der anderen Seite ist das Land sehr chaotisch und unstrukturiert: unser Bus nach Santa Cruz war beispielsweise einfach mal überbucht, sodass sechs junge Männer während der ganzen 16 Stunden Nachtfahrt über die holperigen Straßen im engen Mittelgang des natürlich unklimatisierten Busses sitzen mussten
- trotz alledem hat mir Bolivien sehr gefallen und hätten wir mehr Zeit gehabt, hätten wir auch gerne noch mehr Zeit in dem Land verbracht... naja, so ging es für uns also weiter nach...

12. Januar : Jujuy

- auf der Fahrt von Yacuiba (Bolivien) nach Jujuy (Argentinien) gerieten wir mit unserem Nachtbus in eine mehr oder weniger spektakuläre Drogenkontrolle. An der Grenze wurde unser Bus auf einmal von einer Horde Polizisten mit Spürhunden, Waffen etc. gestürmt. Anscheinend wurden in dem Bus Drogen geschmuggelt (also Kokain, Bolivien gehört ja schließlich zu den Top-Koksexporteuren der Welt), weshalb alle Fahrgäste aussteigen, sich abtasten lassen mussten und ihr Gepäck komplett auspacken (argentinische Polizisten machen sich ganz offensichtlich keine Vorstellung davon, wie lange es dauert, einen Wanderrucksack geschickt zu packen!), durwühlen lassen und wieder einpacken. Am Ende wurden sogar ncoh die Sitze im Bus stichprobenartig aufgeschlitzt, um zu gucken,ob sich im Polster der Sessel Drogen befinden. Nach dieser, schlussendlich dann doch erfolglosen, nächtlichen Suchaktion an einer einsamen Plizeistation mitten im Nirgendwo durften wir dann doch so gegen 3 Uhr morgens mit fast drei Stunden Verspätung weiterfahren.
- in Jujuy suchten wir uns ein ganz, ganz süßes Hostel mitten im Stadtzentrum, das mit so hübschen Wandmalereien bemalt war
- am ersten Tag wollten wir einen Auflug zu den berühmten heißen Quellen ("Thermas del Rey") machen, leider gab es einen Wolkenbruch (Regenzeit!), sodass wir uns in ein naheglegenes Hotel flüchteten. Das Hotel hatte zufällig einen Spa-Bereich im Erdgeschoss, wo man ebenfalls in den heißen Thermen baden konnte: Gesagt, getan! so haben Annika und ich 2 Stunden in der Luxus-Spaabteilung eines Burghotels gechillt, während es draußen prasselte
- durch den harten Wolkenbruch ist an dem Tag der Bergfluss so stark angestiegen, dass einige Menschen von der starken Strömung mitgerissen wurden. Als wir gerade auf dem Weg zum Bus waren, haben wir die Rettungsaktionen von Polizei und Bergwacht mitbekommen. Am nächsten Tag stand in der Zeitung, dass zum Glückkeiner gestorben ist, allerdings lagen wohl mehrere Personen schwer verletzt im Krankenhaus
- weiteres Highlight: Tour zu den Salzwüsten !! (insofern haben wir unsere Salzwüsten also doch noch bekommen. Waren zwar nciht die bolivianischen, dafür die argentinischen :) Am dritten Tag in Jujuy haben wir eine Tour in die Berge gebucht. Insgesamt bestand unsere Gruppe nur aus 4 Personen und einem Fahrer, der uns dann in die Berge kutschiert hat. Der Weg zu den in 4170m Höhe liegenden Salzwüsten führt über eine der schönsten Landschaftsstriche, die ich jemals gesehen habe: die "Tierra de 7 colores" (Erde der 7 Farben) !!!!!! Wunderschöne Natür gab es dort zu besichtigen.
Als wir dann nach vier Stunden Fahrt endlich oben bei den Salzwüsten ankamen, bot sich uns ein wirklich fantastischer Anblick!! Eine Wüste aus Salz mit lauter kleinen Kristallen vor einem himmelblauen Hintergrund. Das sah wirklich atemberaubend schön dort aus!
Dort oben haben wir dann noch in einem kleinen, hunzeligen Restaurant, naja eigentlich war es mehr das Wohnzimmer einer dort lebenden Familie, gegessen. Es gab eine regionale Spezialität: Lamafleisch! war sehr lecker, hat sich geschmacklich jetzt aber nciht sonderlich von nem dünnen stück Rindfleisch unterschieden, fand ich.
Auf dem Weg runter nach Jujuy machten wir dann noch einmal Rast in dem kleinen Dorf Purmamarca, wo Annika und ich ausgiebig über eine kleine Feria bummelten. Dort habe ich mir einen coolen, bunten Rucksach aus Leinen gekauft :)
- abends saßen wir noch mi selbstgekochter Pasta auf unserem Balkon im Hostel und unterhieltenuns mit einer Backpackerin aus Passau, die wir dort kennngelernt hatten. Das Mädel reist seit 4 Monaten nur mit Zelt und Rucksack ganz alleine durch Südamerika. Hinzu kommt, dass sie sher wenig Geld hat und daher vollkommen minimalistisch lebt, in der Wildnis zeltet, trampen geht usw. Bis jetzt ist ihr noch ncihts Böses widerfahren... trotzdem glaube ich, dass meine Eltern bei dieser Vorstellung ein Jahr lang nicht ruhig schlafen würden ;)

15. Januar: Cachi & Salta

- wir mahcen uns auf Richtung Süden und steuern den Bahnhof von Salta an. Dort bleiben wir jedoch nicht lange, sondern nehmen direkt den nächsten Ruckel-Zuckel-Bus nach Cachi (ein kleines Bergdorf im Norden von Salta). Die 5-stündige Busfahrt hoch nach Cachi führt an atembraubend tiefen Schluchten entlang, die Tour wäre echt nix für Leute mit Höhenangst. Außerdem kurvte der Busfahrer dermaßen schnell um die Ecken und Kanten der Straße, dass er sogar einmal ein ihm entgegen kommendes Auto gerammt hat.
In Chachi blieben wir schlussendlich nur eine Nacht, da erstens unser Geld langsam knapp wurde und es zweitens auch nciht so viel dort zu sehen gibt. Ist halt ein süßes, verschlafenes Dörfchen mit ein paar Restaurants, Kneipen und einer lustigen uralten Dorfbibliothek, in der teilweise einhundert Jahre alte Bücher geführt werden.

16. Januar:

- wieder in Salta angekommen, suchten wir uns ein cooles Hostel mit Dachterrasse
- haben dann an einem Nahcmittag die Stadt erkundet: hübsch, friedlich, tranquilo eben... Salta hat sehr hübsche Kirchen!
- abends waren wir in einem Restaurant namens "Viejo Jack" essen, in dem wir jeder ein richtig dickes, typisch argentinisches Stück FLEISCH verputzten.

17. Januar:

- am Sonntag bestiegen wir dann gemeinsam den Bus in Richtung Foz de Iguacu, wobei ich schon 2 Stünden früher in Eldorado ausstieg, da dort mein Zwischenseminar der IERP stattfand und Annika weiter nach Iguazu gefahren ist.

Insgesamt war es eine saucoole Reise, in der wir zwar viel Zeit mit Busfahren, Warten und Anstehen verbracht haben, aber gleichzeitig wunderschöne Teile des südamerikanischen Kontinents bereist haben. Viel gesehen, viel erlebt, viel gelernt!


Anschließend hatte ich wie gesagt noch eine Woche Zwischenseminar in Misiones, Eldorado. Das Seminar hat, wie schon die Capacitación am Anfang meines Aufenthaltes, suuuuper viel Spaß gemacht. Es war toll, die ganzen anderen Voluntäre wiederzusehen, sich auszutauschen, zu erzählen usw. Insgesamt war es gut, mal so nach der Hälfte der Zeit inne zu halten, gemeinsam zu reflektieren und zu überlegen, wie es im nächsten halben Jahr weiter gehen soll.
Highlight des Seminars war ganz klar der Ausflug zu den "Cataratas de Iguacu" (die berühmten Wasserfälle an der argentinisch-brasilianischen Grenze) !! Das war schon echt irre zu sehen, welche Wassermassen dort donnernd in die Tiefe stürzen. Außerdem befinden die Wasserfälle sich in einem riesigen Nationalpark, was heißt, dass man an so einem Tag im Nationalpark hunderte von wilden Tieren entdecken kann. Nasenbären, riesige Spinnen und was mir am besten gefallen hat: tausende, kunterbunte Schmetterlinge!! Zwischenzeitlich hat man sich echt so ein bisschen wie Mogli im Dschungel gefühlt :)
Der Abschiedsabend unseres Seminars wurde natürlich groß inszeniert: Es gab eine kräftige Bowle, spontane Musiksessions und eine schöne Runde Herzblatt als großes Abschlussspiel für die Gruppe. Die Fotos von diesem lustigen Abend sind wie immer im neuen Album zu bewundern.

So, jetzt bin ich schon seit fünf Tagen wieder zu Hause in der Salala und der Alltag hat mcih bereits wieder. Arbeiten gehen, Wäsche waschen, einkaufen, Berichte schreiben... all solche Dinge warten auf mich. Die unglaubliche Hitze, die derzeit die Stadt beherrscht, macht das Angehen dieser Dinge nciht gerade einfacher. Zur Zeit haben wir so Temperaturen um die 29/30°C, d.h. man ist eigentlich die ganze Zeit klitschnass - entweder weil man gerade duschen war oder weil man schon wieder schwitzt :)

In diesem Sinne sende ich euch ein bisschen Wärme ins kalte Deutschland.
Macht's gut y VIVA LA VIDA !!
eure schon wieder schwitzende Merle

Freitag, 1. Januar 2010

Buenas Felicidades

(Schöne Feiertage)

So, jetzt hab ich es zwar nicht mehr im alten Jahr geschafft, mich zu melden, dafür nutze ich direkt den ersten Tag des neuen Jahres, den ich (wie es sich nach einer durchfeierten Silvesternacht gehört) eigentlich nur mit rumgammeln verbringe, um mal wieder von mir hören zu lassen. Allerdings erzähle ich dieses mal nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern berichte erst einmal von den vergangenen Feiertagen.
Über die Weihnachtsfeiertage haben wir zur viert ein Ferienhaus im wunderschönen Flussdelta Tigre gemietet, welches sich im Norden von Buenos Aires befindet. Während der Woche nutzten uns die anderen Voluntäre aus BsAs und Umgebung dann als Ausflugziel, sodass wir eigentlich ständig mindestens 2-3 Besucher beherbergten. Diese sieben Tage dort waren wirklich toll! Unser kleines aber feines Ferienhaus lag dirket am Fluss und hatte einen schönen großen Garten, in dem ein großer Pflaumenbaum stand, von dem wir jeden Morgen frische Pflaumen ernten konnten. Eigentlich waren unsere Tage dort schon fast ZU idyllisch - wir verbrachten die Zeit mit lauter so schönen Dingen wie baden, sonnen, Kanu fahren, gemeinsamem Kochen und Gitarre spielen. Die Jungs konnten ihrem Jäger- und Sammlertrieb nachgehen und im Fluss angeln, sodass wir sogar einige Male selbst gefangenen Fisch essen konnten.
Der Heilige Abend war ein ganz komischer Tag für mich - klar, das erste Mal nicht mit der Familie zu feiern war schon sehr ungewohnt. Hinzu kam, dass wir den Tag tagsüber nur im Bikini auf dem Steg und in der Sonne verbracht haben, sodass einfach nciht so richtig Weihnachtsstimmung aufkommen wollte/konnte. Erst als es dann gegen acht langsam dunkel wurde und alle begannen zu der Musik von "Last Christmas" etwas für den Heiligen Abend vorzubereiten, wurde es etwas besinnlicher. Als dann das Essen fertig war (wir haben ganz klassisch argentinisch Asado gemacht - Fleisch vom Grill mit tausend Beilagen), wir alle um den großen Tisch saßen und auch nciht mehr unsere Badeklamotten anhatten, war die Stimmung dann schon sehr feierlich. Da wir in dem Haus sogar eine Bibel gefunden hatten, konnten wir nach dem Essen sogar die Weihnachtsgeschichte auf Spanisch lesen und ein paar Weihnachtslieder singen, sodass wir den fehlenden Kirchgang wenigstens ein bisschen ersetzen konnten. Beim anschließenden Schrott-Julclap wurden dann lauter sinnlose Dinge auf den Gabentisch geworfen. Ich hatte beispielsweise das Glück eine alte Wäscheklammer und einen Traumfänger in meinem Geschenk zu finden. Allerdings habe ich auch eine sehr coole, sehr bunte Hängematte geschenkt bekommen, die bereits unseren Patio in der WG ziert und in der ich gerade vor mich hin schaukel. Auch wenn die Bescherung und der Heilige Abend also dieses Jahr ganz anders war, als ich es von zu Hause gewohnt bin, und wir zwischendurch auch alle ein bisschen Heimweh hatten, war es trotzdem ein schöner Abend und wir haben uns im Endeffekt alle sehr wohl gefühlt.
Nach einer Woche grüner Idylle sind wir dann wieder ins laute, chaotische und zur Zeit brütend heiße Buenos Aires zurückgekehrt. Da im Moment viele andere Voluntäre auf der Druchreise sind, haben wir in den letzten beiden Tagen ziemlich viele Leute in unserer WG beherbergt - Full House! Gestern wollten wir dann eigentlich mit unserem Trupp von Leuten zu einem befreundeten Argentinier gehen, um dort gemeinsam Silvester zu feiern. Aber wie Argentinier so sind (sehr spontan und ungeplant!), fiel ihm drei Stundne vorher auf, dass seine Wohnung eigentlich viel zu klein für so viele Leute sei. Aber: kein Problem, wir konnten einfach alle zu nem Kumpel von seinem Mitbewohner gehen. Gesagt, getan! So marschierten wir also mit 12 Leuten, einer großen Schüssel Salat, Schinkenspießchen, Foccaciabrot (Gracias Dörte, mi amor!) und einigen Flaschen Bier in einer WG ein, in der wir direkt eigentlich niemanden kannten. Allerdings fand das niemand schlimm oder gar unhöflich, im Gegenteil: Alle neun Bewohner der dortigen WG haben sich sehr gefreut, dass wir gekommen sind und so viel zu Essen mitgebracht haben. Läuft, das ist Argentinien - tolles Land, tolle Leute! Auf jeden Fall saßen wir dann mit einer großen Gruppe Menschen und einem 9-Liter-Fass Sangria um Mitternacht auf der Dachterrasse der WG und warteten darauf, dass das neue Jahr beknallert wird. Aber in Argentinien hat halt alles etwas Verspätung, sodass auch das Feuerwerk erst um 5 Minuten nach Mitternacht anfing... Eigentlich war unser ursprünglicher Plan, dass wir nach Mitternacht noch in 'ne Boliche (= Disco) gehen, allerdings war die Stimmung in der WG dort so nett, dass wir uns kurzerhand entschieden, dort weiterzufeiern. So verbrachten wir den Rest der Nacht mit Tanzen im Wohnzimmer. Gegen 4 Uhr nachts hörten wir von der Dachterrasse aus, dass eine Murgatruppe auf der Straße gerade am spielen war, sodass wir schnell runtergingen, um uns das Spektakel anzugucken. Dort standen dann 8-10 Trommler mit verschiedensten Percussionsinstrumenten auf der Straße, die allesamt von einem Haupttrommler mit roter Mütze angeführt wurden. Dazu tanzten einige Frauen den klassischen Murgatanz, die von der Menschenmenge, die sich bereits um die Gruppe herum versammelt hatte, angefeuert wurden. Diese Aktion miterleben zu können, war auf jeden Fall ein cooler Abschluss des Abends. Allerdings war ich hinterher sooooo müde, dass ich einfach nur in mein Bett gefallen bin und erst mal 'ne Mütze Schlaf nachholen musste. Also mein Fazit der vergangenen Woche: Definitiv ungewohnte, aber saucoole Feiertage!
Kurz vor Weihnachten haben wir mit den Kindern von La Paloma ein Campamento (vergleichbar mit 'ner deutschen Klassenfahrt) in Baradero gemacht. Das war für mich eine ganzs chöne Erfahrung, einige Kinder mal außerhalb der "Mauern" vom Projekt zu erleben. Auf einmal werden die größten Raufbolde zu handzahmen Egelskindern, die bereit sind, völlig freiwillig den Tisch zu decken oder aufzuräumen. Außerdem war es auch irgendwie lustig zu sehen, wie "die Großen" bei der Nachtwanderung durch den Wald auf einmal ganz große Angst bekamen, sogar umkehren wollten und die Kleinen todesmutig weiter geradeaus stiefelten... Allerdings war ich nach dem Wochenende auch ganz schön platt und ferienreif.
Apropos Ferien: Am Montag geht meine Reise los! Ich fliege morgens um 6 Uhr nach Rio de Janeiro, wo ich mich mit meiner Freundin Annika treffe, die zur Zeit ihr Voluntariat in Nordbrasilien macht. Von dort auf reisen wir dann gemeinsam für zweieinhalb Wochen durch Südamerika. Unsere Reiseroute umfasst den Süden Brasiliens, Boliviens und den Norden Argentiniens, bevor ich dann am 18. Januar in Misiones ankommen muss, da dann dort mein Zwischenseminar der IERP beginnt. Ich freue mich schon sehr auf diese Reise und die Möglichkeit, endlich mal mehr vom südamerikanischen Kontinent zu entdecken. Ich komme also erst Ende Januar wieder nach Hause, werde aber von unterwegs aus regelmäßig meine Mails lesen. Vielleicht stelle ich auch schon zwischendurch mal 'n Schwung Fotos online.
Also, in diesem Sinne wünsche ich euch allen einen guten Start ins neue Jahr und ärgert euch nicht allzusehr über die Minusgerade in Deutschland... hehe^^
Feliz Año Nuevo !!

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Adventsstimmung bei 25° aufwärts

So, diesmal keine lange Einleitung, sondern einfach erzählen, was die letzten Wochen so los war.

Am 30. November haben wir mit den "Chiguaguas", so nennt sich die Kindergruppe der 5 bis 9-jährigen in La Paloma, einen Día de Convivencia gemacht (wörtlich übersetzt so viel wie "Tag des Zusammenlebens"). Die Kinder kamen wie üblich ins Projekt, gingen nur dann nicht um fünf nach Hause, sondern blieben in La Paloma, um dort die Nacht zu verbringen. Nachmittags haben wir gemeinsam einen Ausflug zur Plaza des Nachbarortes Moron gemacht, um den dortigen Spielplatz inklusive Karussel zu nutzen... Mir scheint, da sind Kinder auf der ganzen Welt gleich: Sie finden's super, wenn man sie auf ein sich drehendes Gefährt setzt, sie vom Rand aus bejubelt und mit ihnen um die Wette rennt. Sobald wir nach dem Spielplatzabenteuer wieder nach La Paloma zurückgekehrt waren, begann auch schon das von den Educadores aufwändig vorbereitete Abendprogramm. Zuerst wurden eine Art kleine "Lagerolympiade" veranstaltet, bei denen die Kinder in mehreren Disziplinen (zB Plastikfische im Pool angeln) gegen uns Betreuer, die wir uns den furchteinflößenden Namen "Rotweiler" gegeben haben (als Pendant zum Gruppennamen der Kinder "Chiguaguas"), antreten mussten. Selbstverständlich haben die Rotweiler kläglich verloren ;) Als Preis gewannen die Kinder lauter kleine Taschenlampen, mit denen sie dann eine Schatzsuche durch das mitlerweile erdunkelte Projektgelände bestreiten sollten. Bis auf die vorher nicht berücksichtigte Tatsache, dass nur lediglich zwei von elf Kindern wirklich fit im Lesen und Schreiben sind und somit ihren Mitspielern im Lesen der Botschften immer eine nasenlänge voraus waren, klappte auch die sehr gut. Zum Abschluss des Abends wurde dann erst geduscht und Zähne geputzt, bevor die Kinder noch ein Eis essen (ja, so ist Argentinien... essen kann man immer, auch wenn man gerade erst Zähne geputzt hat!) und einen Film gucken durften. Da die Mehrheit der Kinder vom vollen Tagesprogramm ziemlich geschafft war, sind über die Hälfte bereits vor dem Fernseher eingeschlafen, sodass wir sie hinterher einzelnd in die Schlafräume tragen mussten. Das war ein sehr schöner Moment, als die großen Kinder, die durchgehalten hatten und noch wach waren, ganz behutsam mithalfen ihre Freunde und kleinen Geschwister in die Wolldecken zu betten und sie dabei bloß nicht aufzuwecken. Plötzlich liefen alle auf Zehenspitzen und unterhielten sich nur noch im Flüsterton, der sonst immer so laute und wuselige Ort La Paloma wurde auf einmal leise und still... Am nächsten Morgen frühstückten wir dann noch gemeinsam in der aufgehenden Sonne und anschließend verabschiedeten wir die Kinder nach Hause. Insgesamt fand ich den Día de Convivencia eine anstrengende, aber sehr schöne Aktion. Die Kinder hatten viel Spaß und haben eindrucksvoll bewiesen, dass sie sich, wenn sie wollen, gut miteinander vertragen und benehmen können, sodass dem Campamento (eine Art Ferienlager) nichts im Wege steht. Es war eben auch ein bisschen Sinn und Zweck dieser Übernachtung, mit den Kindern das gemeinsame Übernachten und Zusammenleben zu üben, da wir in einer Woche mit allen Kindern nach Baradero auf's Campamento fahren...
Um dafür noch ein bisschen Geld zu verdienen, haben wir Anfang Dezember das erste mal eine Peña veranstaltet. Eine Peña ist eine Art Dinnerabend, an dem Freunde, Bekannte und Angehörige des Projekts eingeladen werden und an dem in lockerer Atmosphäre ein bisschen Unterhaltungsprogramm geboten wird. Auf jeden Fall war es ein sehr schöner, beschaulicher Abend, den wir da auf die Beine gestellt haben. Es wurden Fotos aus den Aktivitäten des letzten Jahres gezeigt, eine Folkloregruppe hat gespielt und die Jugendlichen haben selbstgemachte Empanadas (typisch argentinische Speise: mit Fleisch gefüllte Teigtaschen) serviert. Überhaupt war es ganz toll, die sonst so vorlauten und frechen Jugendlichen an dem Abend zu sehen. Sobald die Gäste ankamen, waren sie wie ausgewechselt: höflich, zuvorkommend und ganz eifrig bei der Sache. Insgesamt hat sich die Peña auf jeden Fall gelohnt. Wir haben jetzt genug Geld, um ein schönes und entspanntes Campamento mit den Kindern machen zu können :-)
Des Weiteren habe ich am ersten Dezember meinen Adventsklender in La Paloma eröffnet. Zuerst habe ich erklärt, was ein Adventskalender überhaupt ist: dass man jeden Tag im Dezember ein Päckchen abschneiden darf, um die Tage bis Weihnachten zu zählen und dass in Deutschland fast alle Kinder so einen Adventskalender bekommen. Nachdem sie dann das Procedere verstanden hatten, durften sie das erste Päckchen öffnen, in dem sich die Ausstechförmchen von mir zu Hause und das Keksrezept meiner Oma befanden. Den Tag habe ich dann mit den Kindern in der Panaderia, der Bäckerei von La Paloma, verbracht, wo wir alle zusammen Weihnachtskekese gebacken haben. Zum Glück hatte ich den Teig schon vorbereitet, sodass die Kinder eigentlich nur noch die Kekse auszustechen und sie hinterher mit Zuckerguss und Schokolade zu bestreichen brauchten. Zwar sah die Panaderia hinterher aus ein Saustall und wir mussten über eine Stunde lang sauber machen, aber die Kekse schmeckten köstlich. Insgesamt also ein voller Erfolg, auch wenn der Tag für mich ziemlich komisch war, da am selben Tag die diesjährige Poolsaison im Projekt eröffnet wurde. Eigentlich sollte der Pool schon Anfang November wieder nutzbar sein, doch da die Jugendlichen die Aufgabe hatten, den Pool zu reinigen, zu schleifen und neu zu streichen, diese Aufgabe allerdings anfangs nicht so ernst genommen haben, zog sich die Vorbereitung also bis Anfang Dezember. Das ist eben auch Teil der Erziehung von La Paloma: Wenn man etwas will, muss man es selber machen und sich drum kümmern! So kam es also das wir am 1.Dezember erst Weihnachtskekse gebacken haben und hinterher in den Pool gehüpft sind - krasses Kontrastprogram! Jedenfalls für mich... die Argentinier im Allgmeinen lassen sich auch trotz drückender Hitze und Temperturen jenseits der 20°C nicht in ihrer vorweihnachtlichen Stimmung trüben. Die Einkaufsstraßen werden geradezu überflutet mit quietschbunte Plastikbäumchen, dudelnde Retirfiguren und blinkende Lichterketten. Manchmal vermisse ich da den Moment des heißen Glühweintrinkens auf dem Weihnachtsmarkt beim üblichen Kieler Schmuddelwetter.
Neulich waren wir beim Konzert von Manu Chao (für die, denen der Name nix sagt: ein ziemlich cooler, international bekannter Reggaemusiker). Das Konzert war auf jeden Fall zeimlich fett, mega viele Leute, die alle in einer mehr oder minder großen Wolke schwebten. Manu Chao hat auch eigentlich in einem Zug alle seine Songs durchgespielt, ohne zwischendurch große Moderationspausen oder sonstiges zu machen. Der Abend glich eher einer ewigen Jamsession zwischen ihm und seiner Band. Kurz vor Ende des Konzertes kam eine Indianerin auf die Bühne, die eine mehr oder weniger emotionale Ansprache hielt und zum Einsatz für den Erhalt der Gebiete der indigenen Völker im Norden des Landes aufrief. Ziemlich beeindruckender Auftritt auf jeden Fall... Leider habe ich keine Fotos von dem Konzert, da sich nach den Erfahrungen des Tote Hosen-Konzerts keiner getraut hat, eine Kamera mitzunehmen.

Da der letzte Dienstag hier in Argentinien ein Feiertag war, habe ich die Gelegenheit genutzt, mir den Montag freizunehmen und so ein langes Wochenende (4 Tage) mit anderen Voluntären in Mar del Plata, einem Badeort an der argentinischen Küste, etwa 6 Stunden Busfahrt südlich von Buenos Aires, zu verbringen. Leider ging das Wochenende für mich eher unschön los. Am Samstagmorgen wollten wir um 9 Uhr den Bus nach Mar del Plata nehmen, das hieß, dass ich um halb 7 hätte aufstehen müssen, umnoch die letzten Sachen zu packen und dann zur Busstation nach Quilmes zu fahren. Da ich allerdings vom Abend vorher, an dem die Peña in La Paloma stattgefunden hatte, noch so müde war, habe ich volle Kanne verschlafen!! Unter größter Panik bin ich um 8.15 Uhr, noch im Schlafanzug, ins Taxi gestiegen, hab dem Taxifahrer im Kommandoton den Ernst der Lage erklärt und ihn gebeten doch bitte ordentlich auf die Tube zu drücken, was der Gute auch gemacht hat. Hinzu kam, dass ich auch ncoh die Tickets für Lisa und Laura, zwei andere Voluntärinnen, hatte, sodass im schlimmsten Falle nicht nur ich, sondern auch die Mädels den Bus verpasst hätten. Naja, zum Glück kam das Taxi noch rechtzeitig an der Busstation in Quilmes an, sodass ich nciht zu spät kam. Im Gegenteil: Der Bus hatte schlussendlich sogar ne halbe Stunde Verspätung... Wir sind halt in Argentinien!
In Mar del Plata angekommen, ging es für mich leider nicht viel besser weiter, da ich seit langem mal wieder von einer schönen, dicken Migräneattacke geplagt wurde und die ersten anderthalb Tage quasi erst mal nur im Bett verbrachte. Naja, war aber schlussendlich gar nicht sooo schlimm da das Wetter anfangs sowieso eher trüb und grau war. Gewohnt haben wir übrigens in einer Ferienwohnung von Bekannten von Fenjas Gastfamilie, die uns ihr Apartement über das Wochenende für kleines Geld vermietet hatten. Zwar war es mit 6 Leuten in der eigentlich für max. 4 Personen ausgelegten Wohnung etwas eng, dafür lag sie direkt im Stadtzentrum, weshalb wir uns sowieso nciht viel drinnen aufhielten, sondern meistens unterwegs waren. Wir haben uns die klassischen Sehenswürdigkeiten von Mar del Plata angeguckt (Seelöwen im Hafen, Strandpromenade usw....), haben die Sonne am Strand genossen, waren feiern und haben die dort lebenden Voluntäre besucht. Einen Abend sind wir sogar ins Casino gegangen. Eine sehr lustige Erfahrung war das - überall rauchende Menschen in schicken oder weniger schicken Klamotten, die ihr großes Geld verzocken. Von uns hat Lisa am meisten abgeräumt. Die Gute hat einfach mal 2 Peso (ca. 40cent) in so nen bunten Automaten geworfen, ein mal den Knopf gedrückt und zack: 150 Peso gewonnen (immerhin fast 30€) !! Ich bin am Ende immerhin nicht mit einem Minus, sondern einem Plus von 15 Peso (ca. 3€) rausgegangen. Fazit meines ersten Casinobesuches: Casino ist ein Ort des großes Geldes, an dem man nicht unbedingt die Spiele verstehen muss - man kann auch einfach so was gewinnen! Trotzdem glaube ich, dass ich irgendwann gerne noch mal mit meinem Papa ins Casino gehen würde, damit mir mal jemand die ganzen Regeln am Roulettet, Black Jack und Poker erklärt.
Die letzten beiden Tage haben wir eigentlich nur am Strand gechillt und haben schöne Fotos mit roten Weihnachtsmützen am Strand geschossen, um die Daheimgebliebenen neidisch zu machen (hehe ;)Zwar leide ich gerade unter dem größten Sonnenbrand meines Lebens, aber noch rede ich mir erfolgreich ein, dss das ja alles bald von rot zu braun wird. Alles in allem gefiel mir Mar del Plata schon ziemlich gut, auch wenn es ein typischer Touriort an der Küste ist. Es gab ziemlich viele Hotels, Hochhäuser, Restaurants und Nachtclubs, aber dafür auf der anderen Seite auch wunderschöne Strände mit tollen Wellen zum Surfen.

Auf den letzten Metern des Jahres 2009 stehen jetzt noch ziemlich viele Dinge in meinem Terminkalender. Besonders in La Paloma gibt es in den nächsten zwei Wochen noch ziemlich viel zu tun: Jahresabschlussfest, Campamento, Mitarbeiterfeier usw... viel Stress, aber ich freu mich drauf. Und am 23. Dezember gehts dann schon ab ins Flussdelta Tigre, wo ich mit den anderen zusammen die Weihnachtsfeiertage verbringen werde.
Ich hoffe, ich schaffe es noch, irgendwann in diesem Jahr noch einen weiteren Eintrag zu schreiben, bevor ich mich auf meine große Rucksacktour durch Südamerika begebe.
Eine schöne Adventszeit und ein friedliches Weihnachtsfest wünscht euch
eure Merle

Freitag, 27. November 2009

"Das Gespenst der (Un-)Sicherheit in Argentinien"

Der folgende Artikel ist vor kurzem in unserem Boletín Voluntariado (einer Art „Newsletter“ für die Freiwilligen der IERP) erschienen. Arturo Blatezky ist Pfarrer der ev. Kirche am Rio de la Plata und arbeitet außerdem für die Menschenrechtsorganisation MEDH, mit der die IERP eng zusammenarbeitet. Ich habe Arturo bereits während unseres Einführungsseminars im Isedet kennengelernt und ihn als sehr beeindruckenden, authentischen Mann erlebt, der unheimlich viel Erfahrung auf dem Gebiet der Menschenrechtsarbeit hat.
Arturo hat nun wie gesagt im letzten Boletín einen Bericht zum Thema „Unsicherheit in Argentinien“ geschrieben, den ich für sehr gut und anschaulich halte, und ihn euch daher nicht vorenthalten möchte.
Vorab sollte man jedoch wissen, dass die gesellschaftliche Situation hier in Argentinien ziemlich verfahren ist. Auf der einen Seite dominiert die große Schere zwischen Arm & Reich das Leben der Menschen, auf der anderen Seite das Problem der immensen Korruption. Die Menschen hier (vor allem die jüngeren Generationen) haben einfach null Vertrauen in Polizei und Justiz, da beide Instanzen nicht gegen das bestehende Unrecht ankämpfen, sondern im Gegenteil, sogar in vielen Fällen Quelle desselbigen sind. Die Fälle, von denen Arturo in seinem Artikel berichtet sind bestes Beispiel für die Zustände hier in Argentinien. Mir blieb der Mund beim Lesen offen stehen, gerade weil ich weiß, dass die Sachen wirklich erst vor kurzem so passiert sind.
Da der Originaltext ziemlich lang ist, habe ich ihn für diesen Post hier gekürzt. Wer aber gerne den vollen Artikel lesen möchte, kann rechts einfach auf den entsprechenden Link klicken.
Wem’s zu viel Text ist, kann ja einfach nach unten scrawlen – dort gibt’s dann wieder friedliche, schöne Worte von mir zu lesen ;)


EIN GESPENST GEHT UM IN ARGENTINIEN - DAS GESPENST DER UNSICHERHEIT...


Macri – De Narvaez & Co.: „Die unpolitischen Unternehmer-Politiker“
[…] ¿Wie sieht die „Schaffung von Sicherheit für die anständigen Bürger“ durch Bürgermeister Macri in der Stadt Buenos Aires aus? Das beste Beispiel ist ohne Zweifel die Schaffung der UCEP-Brigade, der „Einheit für die Kontrolle der Allgemeinen Öffentlichkeit“.
Konkret besteht diese Massnahme darin, dass eine –geheime- Gruppe von zivilen Stadtangestellten eingestellt wurden, die nachts durch die ärmeren und verborgenen Gegenden der Stadt Buenos Aires in Privatwagen patrouilliert um Bettler und Homeless, die zu Hunderten unter den Brücken der Autobahnen, Vordächer o.ä. zu übernachten versuchen, mittels mehr oder weniger eindeutiger, leichterer oder schwerer Gewalt vertreiben. Diese Aktionen der UCEP-Brigade gingen so weit, dass selbst der Oberkommissar der für die Stadt zuständige Staatspolizei sich von ihnen distanzierte und abstritt, etwas damit zu tun zu haben. Aber das ändert nichts daran, dass das Macri-Dekret besteht und die UCEP in ihrer Handlungsfreiheit sogar ausdrücklich ausgeweitet wurde. Ihr offizielles Büro und Handlungsbasis ist […] im Zentrum von Buenos Aires und ihre Aktionen werden öfters mit LKW´s der privaten Müllversorgung der Stadt begleitet und unterstützt. Ebenso wie von privaten PKW´s in denen jeweils mehrere große, athletisch gebaute Männer mitfahren, die sich alle durch schwarze Uniformen auszeichnen.

Wir begleiten und zeigen diese gewalttätigen Übergriffe von staatlich-angestellten illegalen Schlägerbanden seit einiger Zeit gemeinsam mit der katholischen Gemeinde der Klaretianer von Constitución an, dem wichtigsten Endbahnhof der Züge, die aus Patagonien und dem Süden einlaufen.
Ein guter Freund, Pfarrer Jorge Alonso hat vor Gericht folgendes ausgesagt:
“Es war etwa um 12 Uhr nachts als ich von der Strasse –von unterhalb der Autobahn her- Schreie hörte. Es war ein mir sehr gut bekannter Mann, der seit einiger Zeit neben der Mauer unserer Gemeinde übernachtet und manchmal kommt um Essen, Mate-Tee, Zucker o.ä. zu verlangen. Ich schaute aus dem Fenster und bemerkte etwa 18 bis 20 junge Männer, alle in schwarzer Uniform, die auf den Mann zuredeten. Dann stiegen sie in ihre Autos und fuhren weg. Am nächsten Tag kam der Mann zu mir und erzählte, sie hätten ihn bedroht, er solle machen dass er dort wegkäme. Der (66. jährige) Mann war sehr verängstigt und sprach nur davon, dass sie ihm damit gedroht hatten, nächstes Mal würden sie ihn wegprügeln.
Es ist genauso, wie es unser Kardinal Bergoglio immer wieder sagt: Die Menschen sind für die Regierung dieser Stadt überflüssig, man kann sie behandeln wie Wegwerfmüll. […]


Die wahren Opfer der “Unsicherheit der kapitalistischen Gesellschaft”


Carlitos – 14 Jahre

Wenige Dinge haben mich in meinem Leben so bewegt wie die Beerdigung des 14. jährigen Carlitos.
Carlitos lebte mit seiner Familia wie die anderen 45 bis 50 Tausend Menschen im Elendsviertel “Villa Itatí” in âusserster Armut. Er sammelte zusammen mit seiner Schwester und seinen Eltern Papier, Pappe, Flaschen und was sonst im Müll noch wiederverwertbar ist. Gleichzeitig besuchte er die nahe gelegene Abendschule.
Ein Leben wie das der anderen Jungen seines Alters in “Villa Itatí”. Auch sein Tod war ein Tod wie viele andere alltägliche Tode in “Villa Itatí” und den anderen Elendsvierteln des Armengürtels um Buenos Aires.

An einem heissen Herbstsonntag im April spielte Carlitos barfuss und nur mit Shorts bekleidet Fussball auf dem freien Platz zwischen den beiden Spuren der Autobahn die “Villa Itatí” von “Villa Azul” trennt.
In der Halbzeit gab ein Zuschauer Carlitos Geld um im nahen Kiosk für die Spieler eine Cola zu kaufen.
Als Carlitos vor dem Kiosk stand hielt ein Auto plötzlich an, ein Mann stieg aus und schoss ihm ohne ein Wort zu sagen aus nächster Nähe 2 Kugeln in den Hinterkopf.
Als die Zuschauer des Spieles die kurze Strecke gelaufen kamen war Carlitos schon tot: Der Mann gab sich als Polizist außer Dienst zu erkennen und entschuldigte sich damit dass “er meinte den Jungen vor kurzem bei einem Überfall gesehen zu haben, aber er könne sich irren, da die ja alle gleich aussehen...”
Als die entsetzten und wütenden Nachbarn und Zuschauer begannen auf den Mann einzuschlagen und sein Auto umzustürzen versuchten, war die Polizei gleich zur Stelle, da ja der Krater, den “Villa Itatí” bildet bei Tag und Nacht von Streifenwagen umgeben ist. Die Polizei jagte die Menschen mit Gewalt auseinander.
Als nach längerer Zeit ein Wagen des zuständigen Kommissariats eintraf und damit begann, den Toten zu untersuchen, bemerkten die Familie und Nachbarn, wie unter dem Toten ein Revolver hervorgeholt wurde, den Carlitos nie –halbnackt, wie er war- bei sich gehabt haben könnte. Es war wieder einmal die unter uns alltägliche übliche Art und Weise, das Opfer zu beschuldigen um den Täter zu entlasten.
Der Polizeioffizier wurde schon am nächsten Tag entlassen ohne weiter von der Justiz verfolgt zu werden.

Für mich war die Beisetzung von Carlitos nicht nur wegen des unbeschreiblichen und ungesühnten Mordes einzigartig: Da seine Familie in einer kleinen Holzhütte lebt, in der unmöglich auch nur ein kleiner Sarg Platz findet (Carlitos war für sein Alter klein gewachsen), fand seine Aufbahrung und Trauerfeier am Rande der Autobahn statt, so dass unentwegt Fernbusse, Laster und Autos an uns vorbeirasten. Auch die Pferdchen von etwa 50 Wägelchen, die mit ihren jeweiligen Papiersammlerfamilien dabeistanden, sorgten nicht gerade für Stille und Besinnlichkeit: Es wäre sicher auch eine Zumutung gewesen, von diesen Menschen angesichts des ebenso grauenhaften wie zynischen und maßlos aufreizenden Mordes an einem kleinen Jungen, der einer der ihren war und den sie aufwachsen sahen, so etwas wie Stille und Besinnlichkeit zu erwarten.
Der Zug zum Friedhof wurde für mich zum unvergesslichen Erlebnis: Ich saß mit den Angehörigen auf einem der mindestens 50 wie Schilfboote inmitten des Grosstadtverkehrs unsicher schaukelnden und holpernden Wägelchen mit ihren kleinen Pferdchen, im Talar die riesigen Busse und LKW´s wie Ozeanriesen beachtend, die an uns vorbeirauschten: Die Welt aus einer ganz anderen Perspektive, ganz von unten, ganz von den Kleinen aus, ganz aus der Unsicherheit derer heraus, die man straflos sowohl erschießen wie anrempeln und umstürzen kann.

Von der Beerdigung selbst erinnere ich nur den Anblick der wohl über 50 Wagen und Pferdchen, die alle in den Friedhof hinein- und so nahe ans Grab fuhren, dass sie im Gewimmel etwas sehen und hören konnten.
Und fast an jedem Wagen handgemalte Plakate, die sicherlich die eigentliche und entscheidende Ansprache und Predigt waren. Auf dem rechten Foto sieht man eines dieser Plakate mit dem ebenso berechtigten wie verzweifelten und zur Sprachlosigkeit zwingenden Aufschrei: “SCHLUSS MIT DEM MORD AN DEN UNSCHULDIGEN!”


Diego-16 J., Elias-15 J., Miguel-17 J., Manuel-17 J.


Es ist leicht berichtet aber fast nicht zu glauben, was in der Nacht vom 20 Oktober 2004 in der zentralen und wichtigsten Polizeistation in der Innenstadt von Quilmes geschehen ist.
17 Minderjährige warteten –z.T. seit Monaten- darauf, von der Jugendjustiz in ein Entziehungsheim für Rauschgiftabhängige überführt zu werden. Die Prozedur ist ebenfalls so einfach wie unglaublich: Da es sich allesamt um arme Minderjährige handelte, deren Familie keine Entziehungskur bezahlen können, müssen sich die Minderjährigen selbst dem Richter stellen und sich selbst als Gesetzesbrecher anklagen, da sie nur so auf Staatskosten eingeliefert werden können. Da Rauschgiftkonsum aber eine strafbare Handlung ist, wurden sie augenblicklich als Delinquenten inhaftiert, und da die beiden 4-Bettzellen überfüllt waren, waren in der Nacht des Grauens in einer Zelle 10 und in der anderen 7 Kinder eingepfercht.
Aber das war nichts im Vergleich zu dem, was geschehen sollte

Den Nachmittag über hatte einer der Jungen, der 16 jährige Diego verzweifelt verlangt seine Eltern besuchen zu dürfen: Er hatte von diesen einen Brief bekommen in dem stand, sein kleiner Bruder sei schwer krank. Unverständlicherweise hatte irgendjemand innerhalb der Polizeistation den Text –vor seiner Übergabe an Diego- dahingehend verändert, dass nun zu lesen war, sein kleiner Bruder sei gestorben.
Diego, der in der 10-Zelle inhaftiert war, begann sich wie wild zu gebärden, so dass er mehrmals von den wachhabenden Polizisten mit dem Gummistock geschlagen wurde. Schließlich entstand ein allgemeiner Aufruhr und die Polizisten kamen in die Zelle und schlugen erbarmungslos auf alle 10 Jungen ein, die weiterhin laut um Hilfe riefen in der Hoffnung, durch das einzige Fenster, das zur Strasse führt, von Menschen gehört zu werden. Der Aufruhr entflammte auch in der anderen Zelle, so dass auch die anderen 7 Jugendlichen rücksichtslos von der Polize geschlagen wurde.
Als alles nichts half, zündeten die Jungens ein Teil eines Schaumgummikissens an, in der Hoffnung, die Fußgänger würden den entstandenen Rauch sehen und die Polizei würde die Zelle öffnen müssen.

Was hingegen geschah ist unvorstellbar: Allen Anzeichen und Untersuchungen nach schüttete jemand von außerhalb Benzin oder Kerosin unter die Blechtüre der 10.Zeller, so dass sich das Feuer in dem Raum, in dem 10 Menschen zusammengepfercht waren, explosionsartig ausbreitete. 4 der Jungen starben in den nächsten Stunden, nachdem sie noch einmal –trotz schwerster Brandwunden- zusammengeknüppelt wurden. Manche von ihnen wurden stundenlang in Streifenwagen herumgefahren, bis sie –alle 10 weit zerstreut voneinander, damit ihre Angehörigen sich nicht treffen und gemeinsam etwas unternehmen konnten- in Hospitäler eingewiesen wurden.


Ich hab Diego und seine Familie gut gekannt, so dass die Mutter mich bat die Trauerfeier und Beerdigung zu leiten. Ich hab´deshalb Diego aus nächster Nähe lange gesehen: Sein Sarg wurde wieder –wie der von Carlitos- mitten in einem Gang des Elendsviertels „Villa Itatí“ aufgebahrt, da auch die Hütte der Familie Maldonado viel zu klein für einen Sarg plus Trauergemeinde war. Ich kann bezeugen, dass die Kinder nicht vom Rauch des Schaumstoffkissens erstickt sondern verbrannt sind. Diegos Gesicht und Hände waren noch im Tod leuchtend rot, ohne jegliche Hautreste, denn die waren alle verbrannt; Diego hatte auch nicht den geringsten Russfleck an den Händen oder im Gesicht: Die –um Jahre verspätete Untersuchung- stellte fest, dass alle 4 Jungen den inneren Brandwunden der Atemwege erlegen sind und keiner Rauchvergiftung, wie es die ersten Befunde der eigenen Polizei bekannt gegeben haben.
Nach 5 Jahren warten die Angehörigen immer noch auf die Gerechtigkeit der Menschen: Bisher wurde kein einziger Polizist wegen dieser 4 Morde verurteilt.

Ich werde nie die letzte Szene vergessen, die ich an Diegos Grab erlebt habe.
Als alle Menschen gegangen waren, blieb ich auf einige Entfernung stehen und schaute zurück.
Da sah ich, dass Diegos Schwester vor dem Grab kniete. Ich ging zu ihr zurück um sie zu umarmen, als ich bemerkte, dass sie eine kleine Zigarette, aus Zeitungspapier und Hasch gedreht, entzündete und in die Erde des frischen Grabhügels steckte. Sie sagte: „Vielleicht hilft es ihm, ein wenig Ruhe zu finden“.

Was wir von der Ökumenischen Menschenrechtsbewegung meinen:

Schon vor vielen Jahren, im April 1988 haben wir folgendes bekannt gegeben:
“Wir vom MEDH sehen mit größter Sorge den Vormarsch von Kriterien einer angeblichen „Sicherheit“, die weder die sozialen Interessen verteidigen und noch viel weniger die Nöte der Minderjährigen, sondern die einzig und beharrlich das Weiterbestehen einer repressiven Mentalität beweisen, die zur Genüge bewiesen hat, dass sie absolut schädlich für alle Menschen ist, nur nicht für diejenigen, die sie ausüben und sich dadurch bereichern. Man muss deshalb das gesamte Sozial- und Rechtssystem, insofern es mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, von Grund auf verändern. Wir werden nie dadurch eine größere „Sicherheit“ erreichen, dass wir eine noch stärkere und ausgeweitete Repression der Kinder errichten, mit stärkeren Gittern und größeren Vorhängeschlössern: ¿Wie sollten wir auch unsere armen Jugendlichen davor schützen, gegen das Gesetz zu handeln, während die Folterer und Mörder der Diktatur frei und straflos unter uns umherstolzieren? Wir sehen mit Entsetzen, dass es viele Richter gibt, die unsere Kinder dem „Gewahrsam“ jener professioneller kriminellen Schergen der Diktatur übergeben wollen, die weiter ihr Unwesen treiben“.

Arturo Blatezky
Mai 2009

Dienstag, 24. November 2009

offizielle Berichte

Ich hab's mit der freundlichen Hilfe des weitaus computerbewanderteten Bennys (Gracias an dieser Stelle!) endlich geschafft, meinen ersten offiziellen Zwischenbericht, den ich Ende Oktober für meine Entsendeorganisation in Deutschland schreiben "musste", online zu stellen. Rechts an der Seite findet ihr jetzt also den entsprechenden Link dazu - einfach anklicken, dann kann man den Bericht lesen und bei Bedarf auch runterladen und abspeichern.
Toll, was das Internet so alles kann oder?

Freitag, 13. November 2009

... immer auf Achse

Buenas Noches Todos !!

Ich weiß... Asche auf mein Haupt, dass ich nun schon soooo lange nichts mehr geschrieben habe. Tut mir wirklich leid! Aber ich hatte im letzten Monat wirklich viel zu tun, proppevolle Wochenenden, viele viele neue Dinge... Da hatte ich einfach nicht die Zeit zum Schreiben, aber vor allen Dingen fehlte mir die Ruhe dazu, da man ja irgendwie immer erst einmal selber die ganzen Ereignisse duchdenken und sich setzen lassen muss, bevor man sie zu Texten weiterverarbeitet.
So, dafür aber jetzt. Was ist in den letzten Wochen alles passiert?
Anfang Oktober war ich, trotz meiner sonstigen Abneigung gegen Fußball, mit vier anderen Voluntären bei dem Länderspiel Argentinien gegen Peru. Dieses Spiel war besonders wichtig, da es für Argentinien um die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2010 ging. Insgesamt war der ganze Tag ein super Erlebnis! Bereits auf dem Weg zum Stadion, auf dem wir uns einfach von den MenschenMASSEN haben mitziehen lassen, herrschte eine Megastimmung. Überall hörte man Sprechchöre und Murgatrommeln, die die Menge anheizten. Der große Wow-Effekt kam dann, als wir das Stadion betraten: Ich habe noch nie so ein riesiges Fußballstadion gesehen (wenn doch, kann es nicht so beeindruckend gewesen sein, da ich mich offensichtlich nicht dran erinnere) ! Während die erste Halbzeit eher langweilig war, gestaltete sich die zweite dafür umso spektakulärer. Erst fiel ein Tor (juchu! große Erleichterung in ganz Argentinien), dann fing es auf einmal an, wie aus Kübeln zu gießen und zu gewittern, worauf weder Fans noch Spieler vorbereitet waren. Als dann auch noch Peru ein Tor schoss, glich die Situation dem Weltuntergang - doch dann, in der vorletzten Minute der Nachspielzeit, kam das erlösende 2:1 für Argentinien! Das Stadion tobte und Diego Maradonna hat vor Freude einen Bauchklatscher auf dem schwimmenden Rasen hingelegt, der am nächsten Tag in sämtlichen Zeitungen Argentiniens auf der Titelseite zu bewundern war. Am beeindruckendsten waren für mich die "Sicherheitsvorkehrungen", die bei solchen Fußballspielen gelten. Schon auf dem Hinweg kamen uns ein riesiger Trupp an Polizisten entgegen, die allesamt mit Schlagstöcken und Schusswaffen bewaffnet waren. Außerdem wird auf Fußballtunieren grundsätzlich kein Bier verkauft, da das Gewaltpotenzial anscheinend auch nüchtern schon hoch genug ist... die Schimpftiraden, mit denen die Argentinier ihre peruanischen Gegner beschimpften, hinterließen auf jeden Fall einen bleibenden Eindruck. Während man auf deutschen Fußballplätzen vielleicht Ausdrücke wie "Schweine" oder "Weichei" hört, legen die Argentinier gleich mit richtig harten Kraftausdrücken los. Hinter mir saß ein kleiner Junge, der mit seinem Vater das Spiel angeschaut hat. Beide, sogar der Kurze, schrien unentwegt "Hijo de Puta" und "Concha de tu madre", als ein peruanischer Spieler verletzt auf dem Rasen lag (ich lasse das an dieser Stelle mal unübersetzt - wen's wirklich interessiert, kriegt's schon irgendwie raus). Ich bin zwar immer noch nicht zum großen Fußballfan geworden (auch wenn sich das Thema hier in Argentinien einfach nicht umgehen lässt...), aber insgesamt war es eine atmosphärisch einmalige Erfahrung!
Am selbsen Wochenende habe ich mit Hannah, einer weiteren Freiwilligen aus BsAs, einen Tagesausflug nach Tigre gemacht. Tigre ist eine wunderschönen Insellandschaft, die sich im Flußdelta des Rio de la Plata, also im Norden von BsAs, befindet. Wir haben eine kleine Bootstour durch's Flußdelta gemacht, die eine oder andere kleine Insel bewandert und einfach die schöne Natur genossen. Man hat sich wirklich gefühlt,als würde man im Dschungel umherwandern... Schon lustig, dass sich so eine kleine, andere Welt nur eine Stunde Zugfahrt von der Riesenstadt BsAs entfernt befindet. Auf jeden Fall hat uns unser Ausflug dorthin so gut gefallen, dass wir uns mal nach Möglichkeiten zur Übernachtung dort erkundigt haben. Und siehe da: Wenn alles glatt läuft, mieten wir mit ein paar anderen Freunden über Weihnachten ein kleines Häuschen am Fluss und feiern dort gemeinsam Weihnachten unter Palmen.
Es geht weiter, ich hab noch mehr Ausflüge unternommen in letzter Zeit:
Ende Oktober bin ich zusammen mit Mitarbeitern aus meinem Projekt für ein Wochenende nach Villa Gessel gefahren. Der kleine Ort liegt an der Südküste Argentiniens und ist ein beliebtes Urlaubsziel der Einheimischen. Man spricht hier auch von "ciudades fantasmas" - zu dt. Geisterstädten, da diese Kleinstädte am Meer im Winter wie menschenleer erscheinen und im Sommer vor lauter Urlaubern und Touristen geradezu explodieren. Zum Glück zählt der Oktober hier noch zum Frühling, weshalb ich wohl so das Mittelstadium erlebt habe. Jedenfalls fand an dem Wochenende eine von der Universität BsAs ausgerichtete Fortbildung für sämtliche Berufe der sozialen Arbeit, Psychotherapie oder Entwicklungshilfe statt. Auch wenn ich lange nicht alle Vorträge, die an diesem Wochenende gehalten wurden verstanden habe, so hat es doch eine Menge Spaß gemacht. Es gab zwischendurch immer mal wieder kleine Workshops zu Themen wie "Kunst & Musik", "Bodyexpression" oder "mediale Arbeit", die ziemlich lustig waren, sobald man die eigene Hemmschwelle erst einmal überwunden hatte. Außerdem ist Villa Gessel wirklich ein wunderhübscher kleiner Ort, der sich eben direkt am Meer befindet. Vielleicht ein bisschen mit Eckernförde vergleichbar... Auf jeden Fall hab ich es genossen, mal wieder am Strand zu sein und mit den Füßen im Meer zu stehen, auch wenn es nicht die Ostsee war ;) Ein weiterer "Erfolg" dieses Wochenendes in Gessel war, dass ich meine Mitarbeiter noch mal näher und besser kennengelernt habe. Wir haben zu siebt in dem dortigen Ferienhaus unserer Chefin gewohnt, viel Musik gemacht, geschnackt, getrunken und natürlich Asado gegessen! Dabei wurde ich quasi dazu genötigt, das argentinische Fleisch in den Himmel zu loben (es war aber auch wirklich sehr lecker!), durfte aber dafür im Gegenzug auch noch ein Plädoyer auf das deutsche Bier halten, denn das ist nun wirklich besser als die Plörre, die sie hier verkaufen. Insofern hat sich das Wochenende auf sprachlicher, kultureller und zwischenmenschlicher Ebene voll gelohnt!
Ein absolutes Highlight der letzten Wochen war außerdem das Konzert der TOTEN HOSEN - jaha, richtig gehört. Aus irgendeinem Grund, ich weiß selbst nicht so genau warum, sind die Toten Hosen hier in Argentinien äußerst bekannt und beliebt. Anfang November traten sie daher im Rahmen eines großen, jährlich stattfindenden Musikfestivals auf. Da wir schon seit langem davon wussten, haben wir es tatsächlich hinbekomen, einen Trupp von über 20 Leuten zusammenzutrommeln, mit denen wir dann auf's Festival gegangen sind. Da es leider an dem Tag geregnet hatte, stand das ganze open air Festivalgelände unter Wasser bzw. Matsch (ich hab am nächsten Tag eine Stunde damit verbracht, den Dreck von meinen Turnschuhen zu schrubben). Doch pünktlich zum Auftritt der Hosen hörte es dann auf zu regnen, sodass ohne Probleme gerockt werden konnte. Im Ernst: Es ist der reinste Wahnsinn, wie die Argentinier abgehen können, wenn sie nur jemand ordentlich anheizt, was Campino weiß Gott geschafft hat. Außerdem war es irgendwie lustig, inmitten einer Masse argentinischer Fans zu stehen, die lauthals die deutschen Texte mitgröhlen können, obwohl sie null Ahnung haben, was da eigentlich gesungen wird. Unter folgendem Link findet ihr übrigens einen kurzen 5-min Bericht des ZDFheute-Journals über das Konzert der Toten Hosen in BsAs: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/878050/Die-Toten-Hosen-in-Buenos-Aires-#/beitrag/video/878050/Die-Toten-Hosen-in-Buenos-Aires

Leider war der Tag auf dem Festival nicht nuuur super. Grundsätzlich wird auf Konzerten hier in Argentinien immer sehr viel geklaut, wovon auch unsere Gruppe nicht verschont blieb. Insgesamt wurden uns zwei Digitalkameras, ein Handy und noch diverser Kleinkram geklaut - einfach so aus der Jackentasche raus, ohne dass man was gemerkt hat. Einer Freiwilligen wurde sogar die Handtasche von unten aufgeschlitzt. Ich hatte zum Glück erst gar keine Wertsachen mitgenommen, sonst wären die jetzt bestimmt ebenfalls weg. Tja, dass ist eben auch Argentinien... ordentlich Party machen, aber dabei auch ordentlich abstauben.
Vergangenes Wochenende sind Hannah und ich gemeinsam für ein paar freie Tage nach Paraguay gefahren, wo wir zwei weitere Voluntäre der IERP, Benny und Nina, in ihrem Projekt besucht haben. Dieser Trip bot sich sowieso an, da wir auf Grund unseres abgelaufenen Einreisestempels ein mal das Land verlassen mussten, um unser Touristenvisum, das halt immer nur drei Monate gültig ist, bei der Rückreise zu erneuern. Am Samstag haben wir Bennys Geburtstag gefeiert und "zufälligerweise" fand gerade an dem Samstag auch noch das große "Chopfest", ein Art Abklatsch vom Oktoberfest im Kleinformat, statt. Es gab Festzelte, Schlagermusik und litterweise labbriges, dafür hochprozentiges Bier. In dieser fröhlichen, ausgelassenen und irgendwie "pseudo-deutschen" Atmosphäre feierten wir dann bis in den Morgen. Insgesamt war der Trip nach Paraguay sehr sehr schön. Es macht immer Spaß, sich mit den anderen Voluntären zu treffen, Erfahrungen auszutauschen und einfach ein bisschen zusammen zu chillen, was wir auch ausgiebigst getan haben. Großteile der Zeit verbrachten wir mit gemeinsamem Kochen, im Pool baden und am Lagerfeuer sitzen. Allerdings haben wir auch einen kleinen Ausflug zu den Ruinen der Jesuitenreduktion in Paaguay gemacht, die heute angeblich Teil des Weltkulturerbes sind.
Was mir insgesamt am meisten gefallen hat, war, Paraguay als Land kennenzulernen, da es sich wirklich komplett von dem, was ich bisher aus Argentinien gewohnt bin, unterscheidet. Die Natur ist ziemlich beeindruckend, überall gibt es saftgrüne Wiesen und rote Erde. Dennoch kann die Schönheit der Natur nicht über die Armut der Menschen hinwegtäuschen. Als wir eine der insgesamt zwei Straßen (kein Scherz: in ganz Paraguay gibt es nur zwei Rutas, die dafür durch's ganze Land führen) langgefahren sind, sah man eine kleine Farm neben der nächsten - und sonst nichts! Die Menschen leben eben mit ihren großen Familien in viel zu kleinen Häusern. Außerdem fehlt, wie mir schien, jegliche infrastrukturelle Versorgung. Wenn man Glück hat, hat man Zugang zu fließendem Wasser und unzuverlässigem Strom. An Telefon- oder sogar Internetleitungen ist für die meisten Menschen gar nciht erst zu denken. Doch trotzdem machten fast alle Menschen, die ich getroffen habe, einen wahnsinnig liebevollen und offenen Eindruck auf mich. Man lebt zwar spartanisch, aber dafür fröhlich und vor allem spontan! In Paraguay hab ich außerdem Dinge erlebt, an die in BsAs überhaupt nicht zu denken wären. So sind wir innerhalb der vier Tage, die wir dort waren, insgesamt drei mal getrampt - Daumen raus, Wagen anhalten und zack: schön zu sechst rauf auf die Ladefläche von so nem PickUp! Alles in allem haben wir also ein äußerst tranquiges (ruhiges) und lustiges Wochenende dort in Hohenau verbracht. Dennoch war ich froh, als wir wieder in BsAs angekommen waren. Zivilisation, Infrastruktur und generell eine gewisse, wenn auch langsame Organisation des öffentlichen Lebens haben schon so ihre Vorteile. Ich bin halt doch irgendwie mehr Stadt- als Landkind...
So, noch kurz ein paar Sätze zur...
- Sprache: läuft immer immer besser! Seit drei Wochen habe ich es dann auch endlich mal geschafft, mir Sprachunterricht zu organisieren, um einfach noch ein bisschen mehr Grammatik zu lernen. Aber mitlerweile habe ich das Gefühl, dass mein Spanisch langsam alltagstauglich wird. Ich bleib am Ball...
- Arbeit: nach wie vor super! La Paloma ist echt ein tolles Projekt, in dem ich immer mehr meinen Platz finde. Die Kinder wachsen mir ans Herz, der Draht zu den Mitarbeitern wird stetig enger und so langsam finde ich Wege, sie nicht nur bei der Arbeit zu unterstützen, sondern mich auch selbst ein bisschen mehr einzubringen. Zum Beispiel werde ich für Dezember einen Adventskalender vorbereiten (so etwas kennen die Argentinier nämlich gar nicht!), an dem die Kinder jeden Tag ein Überraschungssäckchen öffnen dürfen, worin sich dann Geschichten, Süßigkeiten oder andere Kleinigkeiten befinden. Aber davon berichte ich dann das nächste Mal.
- WG: ebenfalls nach wie vor gut. Gerade heute abend fiel der Satz "Wir sind die stylischste WG überhaupt!" Grund dafür war ein weiteres Wandgemälde, das Simon gezaubert hat. Das Zimmer der Jungs ziert jetzt eine überdiensional große Silhouette von Marilyn Monroe im Andy Warhol-Look...

Dale, me voy a la cama (Also, ich geh jetzt ins Bett). Fotos und Videos (!) vom Erzählten sind wie immer im neuen Album zu bewundern. Viel Spaß beim angucken!
Buenas Noches und eine schöne vorweihnachtliche Zeit wünscht euch
*merle*

PS: Wer Interesse an meinem ersten Zwischenbericht hat, den ich vor kurzem für meine Entsendeorganisation, das NMZ, geschrieben habe und in dem ich einen Rundumbericht über meine ersten Monate in Argentinien liefere, soll sich einfach bei mir (merlesievers@web.de) oder meinen Eltern melden, dann wird der ganz locker per Mail zugeschickt.

Montag, 2. November 2009

pronto, pronto...

Bald schreib ich wieder n Blog... Es gibt auch wieder wahnsinnig viel zu erzählen, aber im Moment hab ich einfach nicht die Zeit und auch nicht die Ruhe dazu, zu schreiben. Am Donnerstag geht's für ein langes Wochenende nach Paraguay, wo ich zwei andere Voluntäre in ihrem Projekt besuche. Danach werde ich mir die Zeit nehmen, meine Erlebnisse endlich mal wieder schriftlich festzuhalten, versprochen! Sonst platzt mein Kopf auch bald...
Also, mir gehts prächtig, ich hoffe euch auch!
Beso